Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 24, 2006}   Mutationen der Bekleidungsindustrie

oder: Warum das Sinnloseste immer das Modischte ist

Wer hat Kapuzenpullis mit V-Ausschnitt erfunden? Ich meine das ernst! Wer war das? Es gibt nicht viele modische Erfindungen, die so sinnlos sind wie diese. Vielleicht ist sich jetzt noch nicht jeder über die Tragweite dieses Themas bewusst, aber es ist doch im Grunde ganz einfach. Der gemeine Kapuzenpulli an sich ist doch eher ein Kleidungsstück für die kälteren Tage im Jahr. Also für jeden Tag außer den zwei Tagen im Jahr, die die Bild-Zeitung zu noch dämlicheren Schlagzeilen veranlassen, als das der nackte Arsch von Robbie Williams jemals schaffen würde.
Also, wir sprechen von Baumwolle. Eventuell sogar von gefütterter Baumwolle. Bequem und wärmend an kühlen Tagen oder nach dem Quotensport für’s schlechte Gewissen. Wunderbar auch bei leichtem Niselregen, denn da kommt nun unsere Kapuze ins Spiel. Ein traumhaft vernähtes Stoffderivat, das das kühle Köpflein wärmen, 10 kg Instantspaghettie transportieren oder einfach nur scheiße cool aussehen kann.
Warum muss an dieses evolutionär so exzellent ausgereifte Stück Modekultur nun ein V-Ausschnitt? Das geht nicht. Das kann doch kein Mensch tragen. Wann denn auch? Wenn es Kapuzenpulliwetter ist, ist es für einen V-Ausschnitt definitiv zu kalt und wenn es gegenteilig gesehen warm genug für das V ist, guckt einem da sowieso keiner mehr hin, weil man unter dem Reststoff so erbärmlich schwitzt und stinkt wie ein Rotarschpavian auf seinem von Fliegen umlagerten Sonnenfelsen. Es ist einfach komplett unlogisch. In der freien Wildbahn wäre der V-Ausschnitt-Kapuzenpulli schon lange von einer Horde aggressiver Woll-Rollkragenpullover aufgefressen worden. Das ist das eigentliche Schicksal von Mutationen. Aber diese wird so liebevoll gepflegt und am Leben erhalten, wie ein pinker Basilikumbusch mit Kontaktgiftblättern. Und dann sieht es auch noch total lächerlich aus. Besonders wenn halbreife 15-jährige jenes Stoffprodukt tragen und am nächsten Tag mit einer wirklich unschön anzusehenden Mandelentzündung die Nerven ihrer unverständigen Mutter quälen, die ihnen doch jeden Tag schon nahe gelegt hatte, als Ausgleich wenigstens den rettenden Joghurtdrink für Vielverdiener zu trinken. Und das obwohl sie doch schon vorgesorgt hatten. Ein beliebtes Accessoire zu jenen V-Kapuzen ist anscheinend ein ganz schmaler Stoffschal. Gerne ab 30 Grad aufwärts getragen und gerne aus soviel Kunststoffaser, dass er bei diesen Temperaturen eigentlich schon lange geschmolzen sein sollte. Der bringst natürlich. Aber es ist verständlich. Schließlich schreit das Unterbewusstsein nach Schutz für seine freiliegende Lungenregion, denn auf die Selbstvorwürfe hinterher hat es erst recht keine Lust, und so greift es eben zur einzig möglichen Alternative. Dünner Stoffschal aus dem Ein-Euro-Shop. Auch so ein Accessoire, das es nie auch nur in die Nähe der Bezeichnung sinnvoll bringen wird. Und nervig sind die Biester dazu auch noch. Kaum einmal gebückt, schon hat man zwei Stoffschlangen vor sich rumhängen, die erst richtig glücklich sind, wenn sie mit einem ihrer eingenähten Glitzerfäden endlich irgendeine irgendwie geartet Matschansammlung erreicht haben. Das ist ein Kleidungsstück, das schon gegen sich selber protestiert und in naher Zukunft einfach zu einer Wolke aus gelbem Staub verpuffen wird. Und dann zeigt es einem ja auch immer auf sehr subtile Weise, was eines fernen Tages nach nicht durchgeführter Schönheits-OP unweigerlich passieren wird, wenn frau ihren BH auszieht. Da muss der V-Ausschnitt am Kapuzenpulli dann schon entsprechend tief sein, um irgendwo den Brustansatz aufzuspüren. Wobei die Stoffschalschlangen ein wenig vom Übel ablenken sollen. Aber keine Sorge, bis dahin sind eh schon alle weiblichen Individuen an einer schleimigen Lungenentzündung gestorben oder mit mir in einen afrikanischen Urstamm ausgewandert, der mit ausgesonderten Kapuzenpullis das Abendbrot einsammelt.
Howdy!



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