Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 01, 2006}   Die Leichtigkeit des Temporären

oder: Über die Daseinsberechtigung des gemeinen Milchschaums an sich

Auf die Gefahr der sofortigen Steinigung nach vorausgehender investigativer Ausfindigmachung meiner selbst, werde ich es hier trotzdem wagen, ein sehr heikles Thema anzusprechen. Kerngebiet des besagten Themas ist jenes Phänomen, das sich völlig ungeniert tagein tagaus in allen mir bekannten und unbekannten Kaffeebeschaffungsetablissements ereignet. Die Rede ist von Milchschaum. Jenem Aggregatzustand des Endproduktes vermeintlich glücklicher Kühe, das zum modernen Städtelifestyle gehört, wie die Erdnuss zur Butter die Pest zur Cholera. Jenes Gemisch aus Luft und Milch, das seinem Konsumenten ein verzücktes, wenn auch lächerlich verschmiertes Lächeln auf und um die Lippen zaubert.
Ehrlich gesagt, ich habe noch nie verstanden, was daran so toll sein soll. Rein faktisch betrachtet handelt es sich um nichts mehr, als um aufgeplusterte Milch, die sehr stark dazu neigt, nach nichts zu schmecken. Abgesehen von dem Hauch an Kakaopulver, der zuweilen auf ihr thront, der mich aber von meinem Empfinden einer starken gesichtsentstellenden Sinnlosigkeit nicht abbringen kann. Was soll denn das überhaupt? Ich komme mir jedes Mal wie eine kaltblütige Verräterin der kaffeeinogenen Lebenskultur vor, wenn ich mich im Cafe der Schaumhaube mittels Löffel und Extrateller entledige. Dabei scheint der Schaum ein wichtiges Kriterium für die Güte und Verkaufskraft eines Kaffees zu sein. Im Übrigen ist mir durchaus bewusst, dass „normaler“ Kaffee die Würde einer omnipräsenten Milchschaumkrone nicht inne hat, sondern nur die ihm übergestellten Existenzen wie Milchkaffee, Cafe au lait, Latte Macchiato und all ihre weiteren südländischen Freunde. Aber da der gemeine Lifestylelebende jene ursprüngliche Form des Filterkaffees sowieso nur noch von Tante Hildes Osterkaffeekränzchen kennt und deshalb annimmt, daß der jetzige Stand der Kaffeeevolution das Maß der Dinge sei, benenne ich das Getränk, um dessen Gestaltung es hier geht, einfach bei seinem Gattungsnamen. Und nicht zuletzt, weil ich mich einfach auch weigere, in allen Punkten des modernen Lebens mit der Zeit zu gehen. Von Zeit zu Zeit sollte jene Zeit ruhig mal ein Stück des Weges mal ohne mich gehen.
Wenn die Zeit ohne mich geht, kommt sie allerdings auf solch wahnwitzige Auswürfe wie Milchschaum zum Sprühen für zuhause. Ist das nicht ein Zeichen wirklichen Wohlstandes und geistiger Verwirklichung, wenn es einem möglich ist, sich die komplette Überflüssigkeit in Sprühdosen kaufen zu können?
Eine ganze Generation erfreut sich quasi minütlich daran, geschmacklosen Milchschaum mit kleinen Löffelchen genussvoll zu ihren Mündern zu führen, bevor sich jener wortwörtlich in Luft auflöst und dem evolutionierten Kaffee jegliche Komplettheit nimmt.
Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht Lifestyle genug für dieses Phänomen. Vielleicht ist es ein Zeichen der Zeit, daß ich einfach nicht auf den Geschmack kommen kann, wie Leute einem geschmacklosen Etwas zu einem kulturellen Geschmackserlebnis verhelfen können, dessen Allgegenwärtigkeit sich nicht zuletzt in Supermärkten und Werbespots der kekstestenden Art manifestiert.
Philosophisch betrachtet könnte man dem Ganzen den Versuch anhängen, das Nichts aus seinem tiefen Lümmelkeller zu holen und ihm zu einer geschmacklichen Kurzexistenz zu verhelfen. Recht vergänglich, aber immerhin bemerkenswert da gewesen. Ganz nach dem Prinzip: Schmecke den Augenblick, auch wenn er nach nichts schmeckt.
Was soll’s. Wir sehen uns beim nächsten Frappucchino mit Karamellaroma und viel extra Schaum.



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