Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 01, 2006}   Die Verdauung des guten Geschmacks

oder: Warum Darmspülungen durchaus fernsehreif sind

Also ich hatte gestern Abend Spaß. Phantastischen Spaß von der allerfeinsten Sorte des allerniveauvollsten Spaßes. Ich habe rtl 2 geguckt. Leuten, die diese Tatsache an sich jetzt schon gleich abschreckt und die nun dazu geneigt sind, mich in eine intellektuell eventuell nicht ganz inhaltskorrekt beschriftete Kiste zu stopfen, sei gesagt: Ihr Ignoranten!
Ab einem gewissen Niveau zeugt es nämlich schon wieder durchaus von Niveau, sich mit dem nicht mehr existenten Niveau abzugeben, was wegen seiner eben erwähnten Nichtexistenz natürlich recht schwierig und darum folglich auch recht amüsant ist. Für die neue rtl 2-Serie, die sich mit dem niedlichen Beinamen Doku-Soap beschmoddert, trifft das auf jeden Fall haargenau zu.
Du bist, was du isst heißt der neue Stern am knallhart recherchierten Dokumentationshimmel. Natürlich im Vorspann durchgehend klein und Komma geschrieben. Zielgruppenfreundlich eben.
Ach, es war einfach so faszinierend. Ein speckefetter Fast-Twen aus dem münchener Umland wollte seinen Umfang in ähnlichem Maße reduzieren, wie ein Bayer das Oktoberfest. Das funktioniert natürlich auf keinen Fall alleine, sondern bedarf kompetenter studierter Hilfe, die nicht sehr glücklich wirkte über das, was sie da sah. Extrem gewinnbringend für die Sendung war vom ersten Moment an der Fakt, dass alles kein bisschen gestellt wirkte. Nicht mal im Ansatz. Stockfischartige Gespräche mit angespannter Körperhaltung und vollständig ausformulierten Sätzen ohne scheiße, ficken und du kannst mich mal sind ja durchaus überall an der Tagesordnung.
Speckefetter Fast-Twen musste im Laufe der Sendung seine ganzen Essgelüste einer Woche auf den Küchentisch packen und sich die studierte Moralpredigt dazu anhören. Der Tisch hörte geduldig zu, während er wohlwollend ein Stillleben aus allen nur erdenklichen Farb-, Fett- und Konservierungsstoffen auf seinem knarrenden Rücken trug. Jedenfalls war er danach ausreichend gegen das Eindringen von Wasser imprägniert, das sich auf dem Tisch nur in einer seiner getarnten Formen als Disaccharid lastiges Mischgetränk tummelte. Aber man hatte es beim Doku-Fernsehen gut mit unserem Specke-Twen gemeint und sich eine(!) Orange unter all das Fast Food mischen lassen. Nicht, daß der Zuschauer noch denkt, Specke-Twen würde sich wirklich ausschließlich so ernähren. Der armen Quotenorange wurde sicherlich eine ganze Porrestange Intellektuellensonderzuschlag gezahlt, ansonsten hätte sie sich sicherlich geweigert im Fernsehen öffentlich neben sieben Tellern Dosenspaghettie aufzutreten. Aber sie hatte die ehrenvolle Aufgabe, Specke-Twen als Demonstration eines gesunden Lebensmittels zu dienen, das sie letze Woche angeblich sogar verzehrt haben sollte. Ich denke, jetzt wurde Specke-Twen schlagartig klar, warum das Riesen-Weingummi so blödsinnig scheiße schmeckte.
Schöner als all die kulinarischen Todsündenauflistungen und Moralgespräche vor einem zwangsentrümpelten Kühlschrank, der sich schlagartig seiner selbst bewusst wurde und schamhaft versuchte, all die auf einmal sichtbaren Soßenflecken zu verstecken, während er sich schamhaft das entblößte Gemüsefach mit einem Rest Fertigpfannkuchen verdeckte, war allerdings der Fakt, der mich wirklich zum Staunen gebracht hatte. Ich dachte schon, das geschmackliche Ende wäre an dem Punkt erreicht gewesen, als die studierte Ernährungsberaterin dem Specke-Twen kleine Piktogramme mit der eventuellen Form ihrer (entschuldigung!) Scheiße vorgehalten hatte, aus denen sie dann frei wählen durfte, welches Kärtchen ihrer persönlichen Ausscheidungsform am nächsten kam. Weit gefehlt. Der Zuschauer, der bis hierhin wacker durchgehalten und sich auf seinem Salzcracker blutig vor Spannung und verdecktem Realismus festgebissen hatte, durfte auch noch dem nächsten spektakulären Event ungehindert beiwohnen. Der Darmspülung. Jawohl, Darmspülung. Oder besser gesagt, Hydro-Colon-Therapie, wie es die gute Frau ausdrückte, die sich auf für mich sehr fragliche Weise dazu bereit erklärt zu haben schien, Specke-Twen ein Plastikröhrchen in den Arsch zu schieben und die daran angeschlossene Maschine auf Füllen zu stellen.
Muss DAS sein? Ich meine, gut, ich muss es mir ja nicht ansehen. Aber warum stellt sich mir denn überhaupt die Option in den Weg, am Montagabend in das Gesicht eines fetten Menschen während einer Darmspülung gucken zu können, um gleich danach den Inhalt jenes Darmes in kleinen Glasröhrchen lässig davon schwimmen zu sehen. Ausführlich kommentiert von der allgegenwärtigen und wunderbaren Sprecherstimme, der ich hiermit aber mal ein großes Lob aussprechen möchte und die das einzig mental wirklich ansprechende an der ganzen Sache war.
Liebe Sprecherstimme dieser wunderbaren Fetten-Doku: Du bist ein wahrer Traum an Intonation und versteckter Verachtung, die zum Glück keiner der Zielgruppe so wirklich verstehen kann und mag. Ohne dich wäre diese Sendung nur halb so schön gewesen. Danke für 60 traumhaft kommentierte Minuten bester gehaltvoller Fernsehunterhaltung.
Dass Specke-Twen am Ende 10 Kilo in acht Wochen abgenommen hat, was natürlich aufgrund des Ausgangsgewichtes kein Mensch sehen konnte, wovon aber wiederum einige Visagisten und Stylisten mittels ausgefeilter Anmal- und Bekleidungstaktik gekonnt abzulenken versuchten, versteht sich natürlich von selbst.
Die Absicht der Sendung, dem gemeinen Deutschen mit zu hohem Fettanteil in der Hirnmasse, seine Ess-Sünden einmal bildhaft vor Augen zu führen, ist zwar meiner Ansicht nach durchaus lobenswert, aber warum muss sowas denn überhaupt erst zustande kommen?
Und warum in dieser primitiven Form, die wahrscheinlich nicht soo belustigend sein sollte, wie sie auf mich wirkte.
Das Fernsehniveau in Deutschland scheint wie das Essverhalten seiner Konsumenten zu sein. Ungesund fett und Hirnmassen verklebend. In Maßen schmeckt ein Döner mit alles drauf ja ganz gut und trägt zur mentalen Gesunderhaltung bei, aber irgendwann ist die Schwelle zur Fettleibigkeit überschritten. Und dann wird’s rtl2…!



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