Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 02, 2006}   Von der Subtilität des natürlichen Ablebens

oder: Der Tag des toten Frosches

Gestern war Tag des toten Frosches. Ich finde es sehr bedauerlich, dass mich niemand rechtzeitig im Vorfeld darüber informiert hat, dann hätte ich mich nämlich dem Anlass entsprechend diesem Tag gegenüber stellen können. Nämlich gar nicht.
Aber so hat sich das Universum wohl gedacht Ach naja, lass sie mal loslaufen, das wird schon, passt schon…alles super, ich hab mich lieb. Herzlichen Dank. Ich also den Caniden geweckt und mich auf meine morgendliche Joggingrunde begeben. Es ist sehr wichtig, dass sich diese Runde immer dem Tag entsprechend gleich gestaltet, da meine orientativen Fähigkeiten zu so früher Stunde noch nicht ihren Höchststand erreicht haben. Ich brauche da meine festen Kurse, damit ich noch weiter schlafen kann, während mein Unterbewusstsein mich wohl abgeschirmt von allem Geschehenden durch Wald und Vorfahrtsstraßen navigiert. Da regt es sich eigentlich auch nicht weiter über die Geschehnisse auf, sofern sie nur im seinem ja-ja,-das-kenn-ich-ja-alles-schon-Speicher brav vermerkt sind.
Der erste Frosch war es nicht. Er lag da mitten auf dem Weg, mitten in der Anfangsphase der Phase, in der ich mir bewusst werde, dass ich mir wohl mal wieder ohne mein Besein die Laufschuhe angezogen habe. Er liegt also ganz keck da, tot und auf dem Rücken. Die Vorderschenkelchen in einer Gebet artigen Stellung über dem hellen toten Bäuchlein zusammengefaltet. Trauer macht sich in mir breit. Das arme Ding. Wahrscheinlich auf seiner sexuell gesteuerten Wanderung kurz vor dem Ziel des Verlangens von einem dummen besoffenen Radfahrer erlegt, der dann auch noch ganz schuldunbewusst eine dreiste Form der Fahrerflucht begangen hat. Ich überlege, ob ich den Frosch beisetzen sollte. Vielleicht am Wegesrand mit einer durchnässten Eichel als Symbol seiner fehlgeschlagenen Mission. Aber daraus wird leider nichts, denn ohne mein Wissen bin ich schon weiter gelaufen und mich jetzt aktiv selbst zu stoppen, ist einfach nur ein Ding der logistischen Unmöglichkeit. Alles wäre aus dem Rhythmus, ich würde nie wieder lebend nach Hause finden und müsste am Ende aus lauter Not noch den armen toten Frosch essen. Wie bestialisch und respektlos, gut, dass ich mich weiter gelaufen habe.
Der übliche Weg beruhigt meinen Geist sehr schnell wieder und lässt meinen Körper weiter trotten. Meiner statistischen Meinung nach waren das jetzt auch schon genug Absonderlichkeiten für eine ganze Joggingwoche. Mental angeschlagen erreiche ich den nächsten feuchten Sandweg und was liegt da rum in einer provokativ toten Weise? Richtig, der nächste Frosch. Ich laufe kommentarlos weiter und denke mir insgeheim, dass das bestimmt eine geheime Verschwörung der Fröscheartigen aus dem Untergrund ist. Illumiquaki sozusagen. Sicherlich nicht zu unterschätzen und bestimmt durchaus in der Lage, die Wahrnehmung meiner persönlichen Laufzeit so zu verändern, dass der selbe Frosch einfach zwei mal gestorben ist und nun erneut vor mir liegt. Vielleicht befinde ich mich auch gerade in einem froscherzeugten Paralleldasein. Wer weiß, ich kenne mich hier nicht aus, ich laufe nur stur durch den sich mir anbietenden Raum. Ich verwerfe meine Theorie aber sogleich, als ich quasi im selben Ausatmungsintervall den toten Frosch Nummer drei sehe, ungefähr anderthalb unbewusste Laufsekunden nach Todesfrosch Nummer zwei. Beim akkuraten Rückwärtsjoggen und der geistigen Vergewisserung, dass ich unter keiner sehfeldverdoppelnden Krankheit leide, kann ich sie sogar beide gleichzeitig sehen. Ziemlich tot, ziemlich herumliegend. Welch grausames Schicksal. Vielleicht waren sie ein Pärchen, gerade auf den Weg zum Flittertümpel, als das Weibchen im holden Liebestaumel das heranjagende Jungmofa einfach übersah. Ihr Gatte wollte ihr noch zu Hilfe eilen, aber es war zu spät. Sie erlag noch im selben Moment ihren Zerquetschungen. Tief trauernd hoppelte er davon, wohlweislich, dass er diese Fröschin niemals mehr glücklich machen konnte, als ihm plötzlich ein vom Sturm entgleister Ast alle Gedankenlast abnahm. Er starb noch in der selben Minute mit einem leisen quak.
Gedanken dieser Art haben mich schon ein unbemerktes, aber nicht zu verachtendes Stück an Strecke weitergebracht. Ich lulle mich wieder in meine laufende Daseinsignoranz ein und bemerke erst jetzt, dass mein immer noch anwesender Hund das ganze Unterfangen anscheinend mit weitaus mehr Gleichmut ertragen hat als ich. Ist auch richtig, schließlich ist er ja auch irgendwie der genetisch naturnähere von uns beiden, da kann man sowas auch eher verkraften. Die natürliche Entfremdung bringt eben ein gewisses Maß an unangebrachtem Erstaunen mit sich.
Seinen Maximalpunkt an entfremdetem Erstaunen hatte mein Verstand in dem Augenblick erreicht, als mein Mitläufercanide dann anscheinend doch die Lust auf halb verweste Froschinnereien packte, und zwar beim Anblick von Todesfrosch Nummer vier. Ich hab ihm verbal verständlich gemacht, wie eklig er und seine gesamte Spezies doch sein. Das arme Tier und dann auch noch an diesem Tag des kollektiven Froschtodes. Aber er hat mich nur verständnislos mit dem ihm eigenen verständnislosen Blick angeguckt, als wollte er mich fragen, wie verständnislos ich eigentlich bin.




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