Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 03, 2006}   Des Wahnsinns fette Beute

oder: Wie das Essen unsere Identität definiert

In Anbetracht einer verächtlich vor sich hin existierenden Schokoladentafel in meiner unmittelbaren Gegenwart widme ich das heutige Thema einem Volkslaster, das uns alle betrifft. Im Volksmund wohlschmeckend bekannt als das gemeine Essen. In mir keimt schon seit längerer Zeit das Gefühl auf, das da diesbezüglich irgendetwas grundsätzlich schief gelaufen ist. Nicht, dass wir keine Nahrung zum Überleben brauchen. Ich habe da ja durchaus Verständnis für den allgemeinen Trieb zur sinnlosen Selbsterhaltung. Aber muss sich dieser Selbsterhaltungstrieb in Form von Instantsahnenudeln, Lammfleischdönern und diversen Möchtegern-Italo-Pizzerien äußern? Fragwürdig. Viel schlimmer als das mannigfaltige Angebot diverser Nahrungsmittelkompositionen, die außer ihrer selbst niemand zum Existieren braucht, ist das Verhalten, das wir, die Konsumenten jener Sinnlosnahrung, dabei an den Tag legen. Es scheint so zu sein, dass zu jeder enorm kaloriendichten Neuverköstigung auch gleich ein neuer Diät-Trend entsteht, der sich nicht zuletzt dadurch äußert, dass das light-Produkt schon vor dem eigentlichen auf dem Markt ist. Warum machen wir denn das?
Wir kreieren und die aller schmackhaftesten Köstlichkeiten, nur um hinterher einen Weg finden zu müssen, wie wir möglichst effektiv und schnell ihre Folgen wieder beseitigen können. Wenn man nett ist sagt man, wir wären einfach recht masochistisch veranlagt, aber wenn man der Wahrheit ins triefende Fettauge sieht, dann lacht sie einem mit dem Lachen der allgegenwärtigen Dummheit an und bedauert uns dafür, Meister im aussichtslosen Bekämpfen selbst verursachter Symptome zu sein. Es zeugt doch wahrlich nicht von enormer Intelligenz erst das Rad zu erfinden, um dann bei dessen Benutzung nach einer Lösung für das sich darbietende Problem des Rollens zu suchen.
Aber niemand will verzichten auf den zweifelhaften Genuss von frittiertem Erdapfel und herzhaft gefüllten Enddarm. Wir leben in einer Zeit, die nicht mehr einsehen will, was sie wirklich zum Leben braucht und die Folgen ihrer Nutzlosigkeit als eigenständiges Problem betrachtet. Das Prinzip Ursache Wirkung hat sich diesbezüglich zugunsten von allgemeiner Verständnislosigkeit winkend verabschiedet.
Immerhin bietet uns das Phänomen Essen aber in vielen Fällen eine ganz neue Art, dem Leben irgend eine Art von Sinn zu geben. Nicht zuletzt richtet sich der handelsübliche Tagesablauf nach den einzunehmenden Mahlzeiten. Wir existieren quasi nur in der Zwischenzeit von Marmeladentoast zu Rinderbraten und Butterstulle. Wem das aufgrund eines selbst erschaffenen Schönheitsideals nicht möglich ist, der bereichert sein sinnloses Daseins eben mit diversen Mentalgenüssen der quälenden Art und der ewigen personenwaagenrelevanten Datenverarbeitung des Brennwertes aller existierenden Lebensmittel. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es sicherlich nicht am verkehrtesten, uns mitsamt unserer kulinarischen Existenz ins nahrungstechnische Steinzeitalter zurück zu versetzen. Dann hätten wir niemals von Ützgürs Jumbo Döner mit alles drauf gewusst und würden zufrieden und gesundheitstechnisch wohlgenährt an unserem Wurzelallerlei knabbern. Ja, die Welt könnte so viel einfacher sein als das, wozu wir sie gemacht haben. Aber mal ehrlich, Pommes rot weiß sind schon lecker, oder?



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