Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 04, 2006}   Die koffeinogene Befriedigung des Geistes

oder: Warum Süchte süchtig machen

Ich bin koffeinsüchtig. Und das ist jetzt nicht nur eine Aussage mit dem Ziel, mir ein gewisses Maß an Mitleid erregender Coolness zu zulegen, über deren Existenzberechtigung man unbedingt noch gesondert nachdenken sollte, sondern eine nackte und beängstigende Tatsache. Jene Sucht offenbart sich vornehmlich gerne in Augenblicken wie diesen, in denen mindestens ein Liter pures Koffein sich mit Lambada und anderen veralteten Gesellschaftstänzen die Wartezeit auf einen freien Rezeptor in meinem Blut verkürzt und der Restkörper nicht weiß wohin mit all der überschüssigen Zittrigkeit. Unkoordiniertes und aggressives Tippen am Laptop neigt dazu, mich mental wenigstens etwas zu beruhigen.
Die Frage ist aber, warum man sich derlei unscheinbare Qualen eigentlich antut? Gesund ist meine Art des Kaffeekonsums auf jeden Fall nicht mehr. Allerhöchstens interessant. Immerhin befreit sie einen in einem gewissen Maße aus dem umgebenden Alltag und lässt ihn sich wacher erleben, als man eigentlich dafür sein sollte, was automatisch zur Folge hat, dass man mehr erlebt, als für die resignierenden Sinne gut ist. Vielleicht ist der Zustand, den man durch die Suchtmittel der jeweiligen Wahl erreicht aber gar nicht so befremdlich, wie er scheint. Niemand wird leugnen können, sich in einem irgendwie bedingten Rauschzustand nicht auf eine gewisse Art und Weise wohl zu fühlen. Und niemand wird leugnen können, diesen Zusand nicht wieder herbeiführen zu wollen. Mal abgesehen von all den damit zusammenhängenden post-genussbedingten körperlichen Misszuständen, die ja aber ihres Zeichens nichts für ihre eigene Existenz können und somit sofort aus der Verantwortung zu ziehen sind. Vielleicht sind wir in diesen Zuständen der Rauschvollführung näher an unserer eigentlichen Existenz dran, als wir bisher dachten. Bloß weil es kein als normal geltender Zustand ist, muss es noch lange nicht der falsche sein. Ich möchte mal behaupten, im Bestfall den rationalen Verstand als komplett abgeschaltet zu wissen, was einen dann zwangsläufig auf die Bewusstseinsebene des Unterbewusstseins reduziert, das wohl so einiges versteckt hält, von dem wir im Bestfall mal zu träumen wagen. Nicht umsonst heißt es schließlich, dass kleine Kinder und Betrunkene immer die Wahrheit sagen, die ja bekanntlich bis dahin im Wein herumliegt und auf ihren Einsatz wartet. Wenn der berauschte Zustand also angenommener Weise näher an unserer eigentlichen Existenz ist, als das was wir sonst so als unseren Geist bezeichnen, dann ist es kein Wunder, dass jener, einmal angefüttert, nach Rückführung in diesen Urzustand lechzt. In diesem Sinne wären wir dann nur süchtig nach den, was wir sind und je öfter wir sind, was wir sein sollten, desto intensiver und fordernder wird unser Verlangen nach der wahren Existenz. Blöd ist bloß, dass wir, oder im genaueren unser primitiver Rationalgeist, damit nicht umzugehen weiß und es aus Unverständnis manchmal besser findet, von Brückengeländern zu springen oder diffuse Lieder über lila blühende Maiglöckchen zu singen. Letzteres könnte der Wahrheit aber schon näher sein, als man glaubt. Wir verhalten uns im Rauschzustand so wie ein langjähriges Käfigmeerschweinchen beim ersten Gartenfreigang. Alles ist unbekannt und eventuell sogar beängstigend aber dennoch richtig oder zumindest richtiger als die bisher für wahr gehaltene Existenz. Das mutige Meerschwein erkundet das neue Reich und gliedert sich voller Lebensfreude in es ein, während das ängstliche Schwein lieber das gewohnte Versteck vorzieht, das zwar langweilig und falsch ist, wovon das Schweinchen aber nie auch nur im Entferntesten ausgehen würde, da die Angst ihm das Nachdenken über eine andere Wirklichkeit verbietet. Das Gewohnte wird geliebt aufgrund seiner Vertrautheit, das Unbekannte wird abgelehnt aufgrund der Angst, die die Unkenntnis mit sich bringt. Die Überwindung der Angst kann aber zu ungeahnten Ufern führen, während die Gewohnheit niemals den Strand ihrer Träume finden wird.




about

Skurriles von der B-Seite des Gehirns

pages
categories
calendar
August 2006
M D M D F S S
    Sep »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
archive
Blogroll
et cetera