Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{August 07, 2006}   Die Polyphonie der Hirnlosigkeit

oder: Warum Klingeltöne doch noch diskutierenswert sind

Ich weiß nicht, ob ich eine schriftliche Erörterung dieses Themas wirklich wagen soll, da das Phänomen der Klingeltöne doch wohl schon seit längerer Zeit die Schwelle vom öffentlichen Ärgernis zum Objekt öffentlicher Akzeptanz überschritten hat. Aber vielleicht ist es genau deshalb lohnenswert, diesen Ausbuchtungen der neuen Jugendkultur noch mal ein paar Gedankenströme zu widmen.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich den Erfinder jenes mehrstimmigen Subtilgeklingels durchaus beneide, zumal jener jetzt höchstwahrscheinlich auf irgendeiner subtropischen Insel ein vergnügliches Leben außerhalb aller geistesbetörenden Handynetze führt.
Traurig ist nur, dass er das Geschäft seines Lebens nicht gleich mit verschifft hat. Zurück bleiben wir mit einer ganzen Schar herrenloser Küken, Fahrerlaubnis bedenklicher Imaginärfrösche, die neben den Datenhighways auch noch die Charts stürmen und diversen Werbejingles, von denen ich bisher immer dachte, sie wären das, was man bei ernsthaft psychisch erkrankten Personen die schrecklichen inneren Stimmen nennt. Weit gefehlt. Schade eigentlich.
Die Zielgruppe allerdings scheint noch nicht allzu oft in den Gehirnen psychiatrischer Anstalten gewesen zu sein und ist somit fleißig damit beschäftigt, motzende Tassen, tänzelnde Dönerspieße und die neuesten Musikvideos auf ihre unabkömmlichen Überlebenshelfer zu laden. Wie konnte es denn bloß dazu kommen? Warum sieht eine ganze Generation den einzigen Spaß und Lebenssinn darin, für teures Geld ihr Mobiltelefon dermaßen geistig zu entstellen, dass jedes Naturvolk freiwillig jegliche Entwicklung hin zur modernen Lebensweise dankend ablehnen würde? Aber wir scheinen in irgendeiner Form selber daran schuld zu sein. Wir haben uns ein Leben fernab aller evolutionär bedingten Notwendigkeit erschaffen, in dem wir schlicht und einfach verzweifeln würden, wenn wir es nicht ständig technisch weiterentwickeln würden. Ist das der hoch angesehene technische Fortschritt, wenn das Leben schärfer als die Realität wird? Unsere Lebensweise ist bei genauerer Betrachtung so verdammt wahn- und widersinnig, dass wir das mit der Eigenreflexion lieber sein lassen sollten, wenn uns unser digitales Spiegelbild vor Schreck nicht laut aufschreien lassen soll. Erblindet hat es uns immerhin schon, sind wir doch der Meinung, ohne Telefone, wireless lan und sprechende Eieruhren schlichtweg nicht mehr lebensfähig zu sein. Dabei lieben wir all diese Dinge doch nur aus dem einen Grund. Sie geben unserem Leben in diesen Zeiten der um jeden Preis anzustrebenden Selbstverwirklichung einen vermeintlichen Sinn und lenken uns von der angsterfüllenden Leere ab, die wir alle hinter unseren digitalen Leidenschaften vermuten. Niemand scheint mehr fähig zu sein, auch nur einen halben Tag ohne die Option zur Benutzung technischer Lebensnotwendigkeiten zu leben. Fern ab von dem Leben, das eigentlich für uns gedacht war, haben wir uns eine Welt erschaffen, die uns von der Leere und Langeweile ablenken soll, die wir uns selber geschaffen haben ohne es zu merken. Unter dem Gesichtspunkt der Logik ist der Mensch nicht viel mehr als eine evolutionäre Lachnummer, die sich selber ständig verbessern will, weil sie weiß, dass sie nicht perfekt ist und es auch nie werden kann. Wir leben ständig in der aus gierigem Verlangen bestehenden Konsumzukunft, ohne den eigentlichen Augenblick auch nur im Entferntesten wahr zu nehmen.
Können wir dann von uns behaupten, wenn der Tod mit einer polyphonen Stimme an unser Sterbebettchen klingelt, dass wir jemals wirklich gelebt haben?
Ich kann Ihnen diese Frage leider nicht mehr beantworten, da mein Handy klingelt. Polyphon.




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