oder: Warum primitiv vernähter Stoff einen wirklich glücklich machen kann
Also ich habe jetzt erst kürzlich das für mich perfekte Kleidungsstück entdeckt. Es hatte sich in einem Versandhauskatalog zwischen all den Duftteelichtern, gratis Kugelschreibersets und Föns mit automatischer Temperaturansage versteckt. Aber so ist das nun mal mit der wahren Größe. Wer sie hat, muss nicht mit einer einseitigen Verkaufsanzeige, gegelten Versandhausmodels und in Blockschrift geschriebenen Superpreisen auf sich aufmerksam machen. Nein, wahre Größe befindet sich auf Seite 42. Und ist ein Wohnsack. Oder deskriptiver ausgedrückt, eine zu einem überdimensionalen Strampelanzug für Erwachsene zusammengenähte Wolldecke mit Löchern für Kopf und Arme. Die Füßchen verschwinden ganz im Sack. Ohne separate Ausarbeitungen für jedes einzelne Bein versteht sich. Da würde ja schließlich auch zu sehr der Sackcharakter verloren gehen.
Also jetzt mal ohne Scherz. Ich finde das ganz toll. Das ist die Endlösung meiner Meinung nach. Vor allem für den herbstdepressiven vernachlässigten Single ohne Freunde und braun geschecktem Streichelmeerschweinchen. Nie wieder wird einen der Spiegel auslachen, weil der Bauch über die Kaffeehaushüftfreizeithose baumelt. Und nie wieder muss man sich die Frage stellen, ob es die Topfpflanzen stört, wenn man zur lilanen Jogginghose einen tomatenrot geringelten Kapuzenpulli trägt. Total egal. Man ist ab jetzt frei. Frei von den Modezwängen der Hausanzugindustrie. Einfach den Wohnsack anziehen und das Glück ist perfekt.
Und man stelle sich auch noch mal die ungeheure Arbeitsersparnis vor. Man muss sich vor dem Fernseher nicht mehr auf und zu decken, nur weil man einmal kurz die zehnte aber auch wirklich letzte Nugatkugel holen wollte. Man kann im Wohnsack gehen. Zugegebenermaßen sollte man kleine Schritte machen und das rutschige Parkett durch heimeligen Teppich mit fröhlichen Mustern ersetzen, aber das ist ja gar nichts gegen die ungeahnte neue Lebensfreude. Niemand mäkelt mehr über die Figur, weil sie einfach niemand mehr sieht. Weg. Versteckt im Wohnsack. Und niemand kann mehr rummotzen, dass, wenn man schon das ganze Wochenende auf der Couch verbringt, man sich wenigstens einmal frische Klamotten anziehen sollte. Egal. Es sieht niemand. Der Wohnsack versteckt es dezent und schweigend.
Eigentlich, wenn ich mir das genauer überlege, braucht man sich ja auch gar nichts anzuziehen. Gut, eine gewisse hygienische Grundausstattung wäre schon von Vorteil, aber ansonsten. Mensch, wie schön. Endlich kann man bequem und körperlich ungesehen vor sich hin verwahrlosen. Und wenn man vorsichtig genug ist, kann man die Chipstüte gleich mit einladen in den Sack. Dann kann man sie überall mit hin nehmen und muss nicht so schwer tragen. Wunderbar. Ich für meinen Teil werde mir wohl doch gleich zwei bestellen. Einen für mich und einen als Gästesack, damit mir hier bloß kein Neid aufkommt, wenn denn schon mal Besuch die nichtstuende Ruhe stören sollte.
Wunderbar.




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