oder: Warum es für gewöhnlich nicht gut ist, sich an gewohnte Gewohnheiten zu gewöhnen
Ein Lebensabschnitt ist seit gestern vorbei und ich weiß noch nicht wirklich, wie ich das verkraften soll. Ehrlich, es wird nicht leicht werden für mich. Man hat mich eines lieb gewonnenen Rituals beraubt, einer Fleisch gewordenen Gewohnheit, meiner ganzen und einzigen Identität quasi.
Mein Frühstücksmüsli wurde aus dem Sortiment genommen. Einfach weg. Nicht mehr da. Ich muss elendig verhungern und seelisch zu Grunde gehen.
Es war wirklich grausam. Ich weiß nicht, ob sich momentan wirklich jeder der Tragweite dieses Ereignisses bewusst ist. Ich wollte doch nur noch schnell beladen mit einer Armee aus willenlosen Tiefkühlendprodukten den Teil käuflich erwerben, der quasi meine ganze morgendliche Seele darstellt. Jedenfalls den Teil, der nicht vom Kaffee ertränkt worden ist. Und dieser Teil war einfach nicht mehr da. Ich musste erstmal einen Moment lang fassungslos vorm Supermarktregal stehen bleiben, wie eine kleine Jungrobbe nach ihrem ersten Alleintauchgang, die die definitiv leere heimische Eisscholle doch noch stundenlang elendig wimmernd nach ihrer Mutter absuchen muss, obwohl sie genau weiß, dass die Zeit für eine Trennung nun gekommen ist. Und genau wie die kleine Robbe hatte ich gar keine Möglichkeit, mich von meinem alten Frühstücksleben zu verabschieden. Das hat man nun davon, wenn man neue Lebensmittel wirklich erst dann einkauft, wenn man sie auch braucht. Eine völlig schwachsinnige und zumal sehr schmerzhafte Verhaltensvariante, die ich umgehendst wieder durch sinnloses Genussmittelhorten ersetzen muss.
Ich hätte ihr doch noch so gerne Lebewohl gesagt, dieser Müslitüte mit den scheußlichen Trockenerdbeeren obendrauf, die ich jedesmal so akribisch genau entfernt habe, um nicht ihre ekelhafte säuerliche Süße auf meiner Zunge schmecken zu müssen. Ganz abgesehen von der widerlichen Textur, die sich solche Dinge nach Kontakt mit Flüssigkeit zulegen. Aber ich habe sie geliebt. Sie haben meiner Müslitüte erst zu ihrer optischen Gesamtheit in Perfektion verholfen. Ja, ich habe sie geliebt, diese ekelhaften Trockenerdbeeren und die so gegensätzlichen und immerhin gezuckerten Papayastückchen, von denen ich jeden Morgen ungefähr drei Stück aus den Fluten der kühlschrankkalten Milch gerettet habe, damit sie mich als finales Geschmackserlebnis dieses Frühstücks für den ganzen Tag kulinarisch genügsam stimmen würden. Die Feigenstückchen, die sich gerne als Papayastückchen ausgegeben haben, die aber immer gekonnt entlarvt habe und denen ich natürlich all ihre maskierten Schandtaten verziehen habe und die nackten Cashewkerne in ihrer ungesalzenen Schönheit. Ihr wart alle toll.
Und jetzt sind sie alle weg. Ich konnte mich von keinen verabschieden, nur die Erinnerung bleibt. Ich lebe also in tiefer Trauer und es wird sicherlich noch eine ganze Weile dauern, bis eine andere Cerealiengruppierung den Platz dieses für mich nahezu perfekten Müslis einnehmen wird. Ich weiß natürlich auch, dass Toppas mit Traubenfüllung keine wirkliche Alternative sind, aber irgendetwas musste schnell her, um den Schmerz besser verkraften zu können.
Adieu Tropic Müsli, es war so schön mit dir…!



