Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{Oktober 03, 2006}   Im Blinklichtgewitter der Unnötigkeit

oder: Warum wir wirklich zu kommentierten Richtungswechseln neigen

Heute taten sich mir wieder Abgründe menschlichen Fehlverhaltens auf. Oder besser gesagt, ich stand mental am Rande des Abgrundes in den man hineinschaut, wenn man all den sinnlosen Verhaltensweisen zuwinken möchte, die dort schon elendig auf dem Grund zerschellt sind, weil die gängige Realität sie nicht länger in ihrem physikalischen Logikgefüge ertragen konnte.
Recht identitätsmüde lungerte da heute das Blinken ohne Betrachter herum. Mal ehrlich, warum blinken die Leute im Straßenverkehr, wenn sie um die nächste Ecke biegen wollen, obwohl niemand da ist, der es sehen könnte? Also warum blinkt der gemeine Autofahrer selbst dann, wenn es völlig unnötig ist?
Ein wunderbarer Einwand wäre jetzt natürlich der Fakt, dass ich derlei Verhalten ja eigentlich gar nicht gesehen haben kann, denn dann wäre ja jemand (nämlich ich) da gewesen, der das Blinken betrachtet und ihm somit zu einer eindeutigen Existenzberechtigung verholfen hätte. Das ist mir aber egal, denn ich weiß, dass es sie da draußen gibt. Die Menschen, die blinken, obwohl sie so alleine auf der Verkehrswelt sind wie eine hyperventilierende Nacktschnecke in einem zugefrorenen Koikarpfenteich in Paraguay.
Warum tun Menschen denn sowas? Sind wir echt nur primitive Opfer von mysteriösen neuronalen Verhaltensverknüpfungen, die unsere Finger in jeder Kurve dämlich und willenlos zum Blinker wandern lassen, um dann mit stoischer Gelassenheit ein soundtechnisch sicherlich nicht ganz ausgereiftes Blinkgeräusch zu hören? Oder gibt es vielleicht viel tiefer liegende Gründe? Werden wir vielleicht alle in den Fahrschulen unterbewusst darauf programmiert immer und überall zu blinken, selbst in einer nicht existenten Halblinkskurve in der Wüste Gobi? Vielleicht ergeben aber auch alle Fragen der Fahrschulfragebögen rückwärts gelesen einen Verschwörungscode direkt aus der Hölle, der einem auf sehr eindringliche Weise nahe legt, wie es in jener Hölle eigentlich aussieht. Eigentlich besteht die Hölle nämlich ausschließlich aus ampelfreien Kreuzungen, auf denen wir ständig von nicht blinkenden Autofahrern mit zerbeulten Filzhüten in türkis farbenen Opel Corsas überfahren werden, während irgendwo versteckt eine verdammte Politesse rumsitzt und jedes einzelne Fehlverhalten mit mindestens zwei Monatsgehalten und fünf Folgen Deutschland sucht den Superstar ohne Werbepausen ahndet. Und das immer und immer wieder, bis wir endlich schwören nie wieder nicht zu blinken und demnach in der nächsten Inkarnation als altersschwaches Großstadteichhörnchen wiedergeboren werden. DAS würde natürlich das schlechte Gewissen erklären, das sofort einsetzt, wenn man wieder um fünf Uhr morgens blinkerlos in die unbewohnte Einbahnstraße eingebogen ist, in der immer irgendwo an irgendeinem Fenster irgendeine gelangweilte Omi rumlungert, die immer alles sieht. Dann spricht natürlich sogleich die Stimme aus der Hölle zu einem und man möchte am liebsten sofort zurück fahren und erneut mit Blinken abbiegen. Aber das geht natürlich nicht, denn die Hölle für in-einsamen-Einbahnstraßen-wieder-gut-mach-Wender ist natürlich bekannter Weise ein Kreisverkehr in Palma de Mallorca in dessen Mitte ein lebensgroßer Sangriaeimer intellektuell fragwürdige Lieder in D-Moll von sich gibt.
Unter diesen Gesichtspunkten kann ich natürlich all die Sinnlosblinker verstehen, die einfach unwissender Weise die nackte Angst packt, wenn sie nicht zum Blinker greifen. Vielleicht sollte ich einfach ein wenig mehr Verständnis walten lassen.
Muss ja schließlich alles seine Richtigkeit haben…




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