oder: Warum man sich sein Wunsch-Ego jetzt kann einfach ausleihen kann
Da habe ich doch vorhin im Fernsehen einen wunderschönen Beitrag über eine junge Dame gesehen, die es sich zur unternehmerischen Aufgabe gemacht hat, Luxushandtaschen in allen Variationen an bedürftige Normaltaschenbenutzerinnen zu verleihen.
Eigentlich bedürfte diese Aussage allein schon keiner weiteren Kommentierung (genau so wenig wie der Fakt, dass mein Schreibprogramm die eben benutzte Form von bedürfen und sich selbst in geschriebener Form nicht kennt), wenn auch eines stillen Nachdenkens, aber weil heutzutage schließlich niemand mehr die nachdenkende Stille ertragen kann, will ich einfach meinen Teil zur nicht stattfindenden Geistesqual beitragen und meinen unbedeutenden Senf auf jene Luxustaschen schmieren. Wobei ich dazu bestimmt erstmal den ein oder anderen Kredit aufnehmen müsste, um mir einen gesellschaftlich entsprechenden Senf einfliegen zu lassen. Gebettet in einem dezent eleganten Kistchen aus feinster Qualitätspappe, ausgepolstert mit rosa Schaumstoff und gewickelt in pinkes Seidenpapier von wild lebenden Seidentieren. Schließlich muss der Senf auch kleben bleiben an der Tasche.
Aber mal ehrlich. Ich finde, das ist wieder eine der alltäglichen Sachen, die bestens aussagt, wie es um uns steht. Mir war ja schon durchaus geläufig, ein bemitleidenswerter Mensch zu sein, wenn man nicht zwangsläufig nach dem nächsten Überflusscabrio, der doppelt verglasten Designer-Sonnenbrille und den konsequent überteuerten Biokartoffeln aus Freilandhaltung strebt. Aber dass es einem sich jetzt so aufdrängt war mir neu. Jetzt muss ich mein ganzes Leben argumentatorisch neu auslegen. Bisher konnte ich ja immer ganz gut damit punkten, mir jene Luxusartikelchen des überflüssigen Verlangens einfach finanziell nicht leisten zu können. Das war gut, das war glaubhaft. Und man hat, wenn schon kein Verständnis, dann doch wenigstens ein wenig Mitleid erhalten. Erhalten wohl gemerkt, nicht geschenkt. So etwas gibt nebenbei bemerkt schon lange nicht mehr. Mitleid ist immer(!) rückzahlpflichtig und das mit einem bemitleidenswert hohen Zinssatz, der sich durch sein eigenes Adjektiv leider ständig selbst in die Höhe schraubt. Bemitleidenswert dieser Zustand.
Durch jene zauberhafte Geschäftsidee wäre aber nun sogar ich in der Lage, mich eines Riemchen tragenden Statussymboles zu bemächtigen. So, und warum tue ich das nicht? Ganz einfach: weil ich es dämlich finde. Und noch viel einfacher: weil ich diese Handtäschchen durchweg hässlich finde. DAS kann ich ja nun bloß niemandem sagen, denn DAS ist noch viel schlimmer, als den Konsum jener Gerätschaften einfach aus Gründen der inneren Überzeugung zu verweigern. Wenn ich das tun würde, könnte mir ein argumentativ geschickt veranlagtes Neuzeit-Partygirl immer noch irgendwie unterjubeln, dass ich mir im Geheimen nichts sehnlicher wünschte, als die zarte Umarmung eines Gucci-Lederriemens um meine Prada überzogene Schulter und rein aus Gründen der Nichterfüllbarkeit jenen Konsum ablehnte, während ich mit einem zehnstelligen Kontostand sofort alle Boutiquen leer fegen würde, was ja auch nicht verwerflich sondern lediglich normal und darum erstrebenswert wäre.
Würde ich nicht, und das ist das Problem. Aber es wäre definitiv leichter. So bin ich nun gezwungen zu begründen, warum ich das absolute Lebensziel aller erfolgreichen Neuzeitmenschen verweigere. Schließlich strebt man doch heutzutage ganz selbstverständlich immer nach mehr und ist erst zufrieden, wenn man genug Leute getroffen hat, die einem deswegen ihre Bewunderung aussprechen. Es ist ja auch eigentlich ganz verständlich, warum immer nach mehr gestrebt wird. Würde das Streben irgendwann stoppen, weil der Streber allen Ernstes erkannt hätte, dass er nun genug gestrebt hat, dann würde ihm was fehlen im Leben. Ich möchte es mal den Sinn nennen. Das ist bemitleidenswert.



