oder: Warum technische Raffinessen blind für das Wesentliche machen
Ich habe ein neues Hobby. Wenn nicht sogar eine ganz neue Lebensaufgabe. Mein neues Betätigungsfeld nennt sich Autofahren ohne Tacho. Wobei diese Bezeichnung auch als irreführend deklariert werden könnte, zumal der Tacho rein physisch noch anwesend ist. Wenn man aber davon ausgeht, dass ein Tacho sich über seine Funktion des Messens der gerade gefahrenen Geschwindigkeit definiert, dann fahre ich wirklich ohne meinen Tacho. Er hat nämlich kürzlich seinen Dienst quittiert. Jedenfalls hat er es angedroht, denn 90% seiner Arbeitszeit definieren sich über eine Nichtexistenz seinerseits. Ein wirklich nettes Ding, er will mich langsam auf sein baldiges Ende vorbereiten.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch bemerken, dass jener Tacho seinen bisherigen Wirkungskreis in einem Renault Twingo hatte und somit von der senfgelb leuchtenden digitalen Sorte war. Wo einstmals noch so schön zittrig die 160 leuchtete ist jetzt nur noch eine Null. Konsequent Null. Das wirkt am Anfang vor allem beim Fahren auf der Autobahn leicht irritativ, aber man gewöhnt sich dran. So habe ich jetzt wenigstens mal die Gelegenheit, meine Fähigkeiten im Ermitteln der gefühlten Geschwindigkeit zu verbessern. Zuerst wollte ich es mit der gehörten Geschwindigkeit versuchen, was aber maßgeblich an den lauten missgelaunten Gitarrensounds scheiterte, die sich aus den Boxen in den Fahrgastinnenraum verbreiteten und jegliche Wahrnehmung von temporelevanten Motorgeräuschen im Keim erstickten. Immerhin konnte ich aber nicht durch einen wummernden Bass fehlgeleitet und somit tempomäßig verlangsamt werden, da sich dieser schon vor geraumer Zeit in ein ekelhaftes Zirpen verwandelt hat. (Ein Umstand der Seven Nation Army um einiges verkürzt.)
Es soll jetzt hier nicht der Eindruck entstehen, ich würde ein technisch rückständiges Auto besitzen. Das ist nicht korrekt, mein Auto erarbeitet sich allerhöchstens langsam einen senilen, aber dennoch liebenswerten Eigencharakter. Wobei es bei Weitem noch nicht mit meinem alten Fiat mithalten kann, dem ich im Winter regelmäßig die Türen von innen mittels eines langen handgestrickten Schals zusammenbinden musste, wenn ich nicht dreitausend Stunden warten wollte, bis sich sie Türen soweit aufgewärmt hatten, dass sie auch bei Fahrtaufnahme geschlossen blieben.
Ich kann aber nun sagen, dass das Fahren ohne Tacho am besten mittels der optischen Temporegulation funktioniert. Gucken tut man ja meistens eh beim Autofahren und nun muss man das Gesehene nur noch in einen logischen Zusammenhang bringen, der nach Möglichkeit auch noch etwas mit dem Straßenverkehr zu tun hat.
Wenn man die Flöhe beim Heckscheibenwackeldackel zu Marianne und Michael ataktisch schunkeln sieht, ist man entweder viel zu schnell oder befindet sich in einer tempoberuhigten Seniorensackgasse, die zwangsläufig mitten ins Herz der örtlichen Kegelbahn führt. Wird einem widerum durch eine gestreckte Endgliedmaße einer sich nicht vorschriftsmäßig am Lenkrad befindlichen Hand, die gerade den eigenen Wagen blödsinnig schrabend überholt, eine scheinbar aggressive Art des spontanen Geschlechtsverkehrs angedroht, hat man es vermutlich nicht ganz hinbekommen, die gesehene Eigengeschwindigkeit auch auf das Gaspedal zu übertragen. Grelle Lichtblitze und hektisch winkende Hartplastikverkehrskellen können einem im Nachhinein sehr behilflich bei der örtlichen Zuordnung der Tempoverletzung sein. Und wenn man gefragt wird, warum man sich denn nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten hat, kann man immer noch sagen, dass man da gar nichts für kann. Schließlich ist der Tacho kaputt. Da kann ich doch schließlich nicht wissen, wie schnell ich fahre. Also bitte.
Vielleicht werde ich mir aber auch in den nächsten Tagen ein kleines unterbeschäftigtes Laboräffchen organisieren, das es sich mit einer standesgemäß coolen Fliegerbrille auf meiner Motorhaube bequem macht und mir dann auf bananengelben Tafeln die momentane Geschwindigkeit anzeigt, die es unmittelbar vorher aus der vorherrschenden Windgeschwindigkeit und der Häufigkeit überholender Fiat Pandas errechnet hat. Das wäre schön. Ich könnte ihn dann auch noch gleich zum Navigationssystem weiterbilden. Das wäre noch viel schöner. Ein Navigationssytem, das einem nicht scheißfreundlich eine wohlorganisierte Spontanwendung nahe legt, wenn man in der Baustelle wieder unsachgemäß im Gegenverkehr gelandet ist, sondern endlich mal ein Navi, das einem gleich die faulen Bananen an die Frontscheibe knallt. Wenn dann wieder spontan der Scheibenwischer abbricht, wie neulich auf der Autobahn beim sichtbehindernden Starkregen, dann muss man sich auch absolut keine Sorgen mehr darüber machen, ob es das heiß geliebte Auto auch noch intakt über den nächsten TÜV schafft.
Tja, kein Tacho, keine Sorgen…



