Waren Sie schon mal so richtig im Krankenhaus? Ich meine nicht, um Oma Erna einen Strauß Mitleidsnelken wegen ihres durchaus zum Teil selbst verschuldeten Oberschenkelhalsbruches zu überreichen. (Sie haben ihr doch schließlich tausend Mal gesagt, dass der Zivi das neue Trampolin im Wohnzimmer testen sollte…). Nein, ich meine Sie selbst als Patient. So richtig exquisit mit Übernachtung, Vollpension und Krankenhauspersonal-Rundum-Animation. Wenn nicht, kann ich Ihnen nur dringendst empfehlen, sich mal spontan ein in Ihrer Lebenssituation nicht so benötigtes Körperteil zu brechen. Einfach nur um des Erlebens Willen.
Ich für meinen Teil habe meinen Hund damit beauftragt mir die Nase zu brechen. Das ist eine recht einfache Möglichkeit. Man muss nur den auserkorenen Hund dazu auffordern aus möglichst großer Entfernung mit möglichst hohem Tempo von hinten auf einen zu zurasen. Kurz vor dem Zieleinlauf, der sich mittig zwischen Ihren gespreizten Beinen befindet, müssen Sie noch einen Ja-wann-kommt-denn-endlich-der-blöde-lahmarschige-Hund?-Kontrollblick zwischen selbigen immer noch gespreizten Beinen hindurch machen, um in eben diesem Moment festzustellen, dass Ihr rutenwedelnder Freund doch schneller war als Ihr Gehirn das logisch berechnet hatte und seine Ankunft mit einem dumpfen aber dennoch bestimmten Knacken in Ihrer Nase kundtat. Ziel erreicht, Nase gebrochen. Wunderbar.
Jetzt konnte ich mich endlich auf den Weg in die ortsansässige Ambulanz machen, die sich natürlich(!) im ersten Stock des betreffenden Krankenhauses befand. Das ist auch ganz in Ordnung so und vom bestimmt zehnfach diplomierten Innenarchitekten für moderne Ambulanzgestaltung auch wohlwollend durchdacht. Man darf ja nicht vergessen, dass der gängige Ambulanzbenutzer sofern er denn ein akutes Problemchen hat, dieses gerne noch ein paar Treppen und Gänge mit sich durch die Gegend schleppt, was einfach den Vorteil hat, dass die Patienten bis ans Ende Ihrer Kräfte ausgelutscht auf der (bequemen!) Behandlungsliege eintreffen, und so das allwissende Staunen des behandelnden Arztes mental nicht mehr ganz mitbekommen, was sonst wahrscheinlich durchaus zum totalen Zusammenbruch geführt hätte.
Ich lag da also wie ein Haufen frisch zerkochter Basmatireis uns wartete auf die Urteilsverkündung. Das “ohhh…” in Bezug auf das Röntgenbild meiner frisch manipulierten Nase klang schon mal sehr vielversprechend. Kurzum: Bitte in die nächste Uniklinik und das Nasenbein unter Vollnarkose richten lassen. Eine Nacht stationärer Aufenthalt. Sehr schön. Zu meiner unbändigen Freude trug auch nicht zuletzt der reine Sauerstoff bei, der seit geraumen dreißig Minuten fröhlich und ungehindert aus seiner Gasflasche in den Raum sprudelte, und das Krankenhauspersonal durchaus überzeugend dazu brachte, sein doch sagen wir mal recht lautes Zischen geflissendlich zu ignorieren und seelenruhig weiterhin weiße Tupfer in schnarrende Schiebeschubladen zu sortieren. Nun denn.
Nach Abbau des Sauerstoffes in meinem unfreiwillig damit angereichertem Blut fand ich mich in der Kinderstation der Uniklinik wieder. Die anfängliche Freude der Aufnahme über den Fakt, dass ich privat versichert bin, ließ bei genauerem Betrachten meiner hübschen Plastikkarte ohne Einzelzimmerzuschlag und Chefarztbehandlung sehr schnell nach und brachte mich auf selbige Kinderstation, die zwar nicht wirklich viele Kinder enthielt, dafür aber eine Menge dieser Freude nehmenden Privatversicherten zweiter Klasse. Liebevoll umsorgt wurden wir von Schwester Conny, die einem auf sehr persönliche Art nahe brachte, dass man bis zur OP doch irgendwo still und unterwürfig vor sich hin warten sollte und dass auf das Betreten und Betrachten des Ganges durchaus die Todesstrafe für mindestens ein Jahr steht (wenn nicht sogar länger!). Ich hockte also auf meinem mir zugewiesenen Bett und betrachtete die wunderbare Wand, die neben viel hässlicher Zahnpastafarbe auch noch eine Bahn mintfarbener Blümchentapete ihr Eigen nennen konnte. Quer angebracht. Muss man akzeptieren. Ebenso wie die Tatsache, dass man bei Eingliederung in dieses Ärzte-Patienten-Spiel tunlichst seine Identität verliert und umgehend zur Personifizierung seines Gebrechens wird. Gestatten Sie also, mein Name ist NBA (für alle Unwissenden ist das die intelektuell gigantisch hergeleitete Abkürzung für Nasenbeinaufrichtung). Mein Zimmer für diese Nacht teilte ich mir mit einem Hörsturz. Geschlechter sind bei dieser Nomenklatur definitiv zweitrangig, aber zu Ihrer Information handelte es sich um eine 80jährige Hörstürzin, die (ich danke immer noch dafür) nur auf der mir abgewandten Seite noch etwas hören konnte. Dieser momentane Glücksfall sollte noch eine dramatische Wendung nehmen, aber erstmal wurde ich von Schwester Conny über die Klowand angebrüllt, ob ich nicht ein bisschen schneller machen könne mit dem Anziehen meines OP-Outfits. Na wo sie recht hat?! Zwei Minuten in einem ein Quadratmeter großen Klo, dessen Bodenfläche zum Großteil von einer sehr unkooperativen und leicht verstimmt wirkenden Kloschüssel besetzt wurde, müssen auch durchaus ausreichen. Schließlich hat man ja Übung. Ich gehe ja nicht umsonst einmal die Woche zur Trombosestrumpfanziehtrainingsgruppe. Wir trainieren sogar unter Einnahme dieser bewusstseinsreduzierenden prä-OP-Tabletten. Dass ich jetzt im Ernstfall so jämmerlich versagt habe…
Endlich schick gekleidet auf dem fahrbaren Bett angekommen näherte sich auch sogleich die nächste Schwester. Schwester namenslos und Mitte Zwanzig war für das Herunterbringen der Patienten vom vierten Stock in den im Keller befindlichen OP zuständig. Soviele Stockwerke es abwärts zu fahren galt, so oft rammten wir auch mindestens irgendeine Wand. Es war ein bisschen so, als würden Sie auf dem Jahrmarkt willenlos und unter Androhung von jeder Menge rosa Zuckerwatte in einen Autoscooter gezwängt und festgebunden, nur damit sich ein psychologisch nicht ganz einwandfreier Spät-Teenie im Bratwurstbuden-Aushilfs-Wurstkostüm neben Sie ans Steuer setzt und seinen wurstkostümbedingten Aggressionen mal freien Lauf lässt. Abenteuerlich. Was nun folgte waren viele sich anmutig bewegende Lichter, warme Gummiunterlagen und noch mehr grüne Männchen, die mit verzerrter Stimme zu mir sprachen, während sie mich am Bett festbanden und diverse Spritzen in mich reinjagten bis auf einmal in der absolutesten Bedeutung des Wortes plötzlich quasi alle Lichter ausgingen. Ich denke viele angebliche Ufo-Entführungen waren einfach eine Fehleinschätzung des Anästhesisten bei der prä-OP-Medikation. Denn viel hilft viel und pinke Riesenkaninchen mit gelb-grünem Schwimmring um den Puschelbauch und einer Kalaschnikow in der Samtpfote sind ja schließlich auch nett anzusehen.
Als nächstes hörte ich meinen Namen(!) mit dem Zusatz, dass die OP jetzt vorbei wäre (wäre auch blöd wenn nicht) und ich wieder aufwachen dürfe (dankeschön). Meine erste Äußerung dazu war :”Oh, es ist ja auch erst viertel vor Elf!”. Wunderbar. Ich denke mit dieser Äußerung werde ich unbesehen in die Rangliste der 100 schlauesten Äußerungen nach Vollnarkosen aufgenommen. Gleich nach: “Ich habe Durst” und “Nein, mein Rasenmäher ist für Rollrasen nicht geeignet”. Nachdem ich dem Sinn meiner Aussage sofort ein Nichtvorhandensein bescheinigte, konnte ich mich auf die wahren Freuden des Erwachens mit zwei meterlangen Tamponaden in und einem Gips um die Nase konzentrieren. Nach zwei Stunden des Perfektonierens der reinen Mundatmung, drei Gaben Schmerzmittel, einer dadurch bedingt tanzenden Wanduhr und der Gewissheit, dass alle zehn Minuten messende automatische Blutdruckmessgeräte recht nervtötend sein können, rempelte mich Schwester Namenlos wieder in den vierten Stock.
Und jetzt nahm das Unheil erst sein eigentlichen Lauf. Das dritte Bett im Zimmer, das die Hörstürzin und mich bisher wohlwollend voneinander getrennt hatte, wandte sich nun seiner eigentlichen Bestimmung zu. Eine neue Patientin kam hereingejammert und was war ihr Problem? Na klar, sie hatte einen Hörsturz. Was ja an sich theoretisch gar nicht so schlecht gewesen wäre, was die Praxis aber sofort ins genaue Gegenteil umkehrte. Hörstürzin eins war nämlich mit ihrem Leiden schon mindestens drei Tage kommunikativ isoliert gewesen, bis endlich Hörstürzin zwei ins Spiel kam, welche sich maßgeblich durch das gleiche Alter, die gleiche Dauerwelle und die selbe Vorliebe für verwaschene rosa Frotteehandtücher auszeichnete. Kann man ja mal ansprechen. Klingt dann ungefähr so:
“Hallo?! Ich hab´einen Hörsturz. Ich höre leider nicht so gut.”
“Wie? Ich kann Sie nicht so gut verstehen, ich hab nämlich einen Hörsturz, wissen Sie?”
“Was? Ich dreh mich mal auf die andere Seite, da kann ich Sie besser hören.”
“Ach haben Sie auch einen Hörsturz? Ich nämlich auch, wissen Sie? Meine Tochter hat mich hergebracht. Die bringt mir morgen auch ein anderes Kissen mit. Ist ja alles so schrecklich weich hier!”
“Nein es gibt leider keinen Teich hier.”
“Wie??”
Und das alles natürlich in einer Lautstärke und mit einem Elan, wie ihn nur zartbitterschokoladeabhängige Achtzigjährige nach der Auflösung ihres wöchentlichen Erdbeerkuchen-Kaffeekränzchens an den Tag legen können. Ich konnte mich kaum entscheiden, was schlimmer ist. Unerträglich fiese Schmerzen in meinem Näslein, dazu die etwas (!) reduzierte Fähigkeit der paniklosen Atmung und das quasi Unvermögen zu trinken, trotz eines Durstgefühles, das nur nur Zebrafinken haben könne, die wirklich mal einen Tag auf einem Zebra verbracht haben, oder das. Versuchen Sie übrigens mal mit zugehaltener Nase zu trinken!
Da ich nach der OP nicht sonderlich fit aussah, was nicht zuletzt daran lag, das die bequemen Tamponaden im Inneren meines Kopfes auf irgendeinen Punkt drückten, der meine Augen dazu veranlasste ständig und unaufhaltsam zu tränen und weh zu tun, nutzte ich diesen Umstand, um mich als definitiv stumm darzustellen. Ich dachte mit dem Aussehen von Hannibal Lecter nach dem Genuss der dritten Flasche Chianti würden die Damen sowieso nicht mit mir reden wollen. Aber die hatten den Film anscheinend nicht gesehen. (Hören wäre auch schlecht gewesen…). Bedauerlich. So verbrachte ich meine schlaflose Nacht im Klinikum also als passive Zuhörerin zweier Hörstürze. Wobei Hörsturz zwei eindeutig von kommunikativerer Natur war. Ihr gesamtes Leben und den dazugehörigen unabdingbaren Tagesverlauf möchte ich Ihnen hier aus Gründen der mentalen Fairness ersparen. Nur soviel: Sie hatte mal einen Bruch in der Bauchgegend, welcher sie nicht nur dazu zwingt, ein hautfarbenes korsettähnliches Kleidungsstück zu tragen, sondern auch dazu, nach schmatzendem Genuss einer Packung Kaffeekekse nachts um elf herzhaft,voluminös und kontinuierlich zu rülpsen. An dieser Stelle danke ich doch einmal der Erfindung der Nasentamponaden, die mir die geruchliche Wahrnehmung dieses Ereignisses zum Glück verwehrt hatten.
Ach, diese Nacht war so schön. Ich war fast ein wenig traurig, als mir am nächsten Morgen die Tamponaden aus der Nase gezogen wurden und ich mit einer Mundatmung bedingten Mandelentzündung und etwas luftsensibilisierten Schneidezähnen in mein pappiges Weizenbrötchen biss.
Zwei Stunden später hab ich mich ordnungsgemäß von den beiden Damen verabschiedet. Als ich ging hörte ich sie sich noch in mindestens Zimmerlautstärke zuflüstern:
“Ach das arme Mädchen. Die hat ja eh so viel geschlafen. Die hat ja auch gar nichts mitgekriegt…”.
Richtig.
{Oktober 06, 2006} Hospitale Genüsse




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