oder: Warum der gemeine Pizza-Flyer doch noch zur globalen Bedrohung heranwachsen könnte
Ich habe gestern Abend die Pizza meines Lebens gegessen. Ehrlich. Es war ein Traum. Jedenfalls wenn man Hähnchencrossies, Zwiebeln und billige Currysoße als große dickflüssige Auflagerung auf dem Blasen werfenden meterdicken Pizzakäse mag. Kulinarische Perversion kennt anscheinend keine Grenzen. Weder geschmacklich noch kalorientechnisch.
Aber mit dieser Pizzawahl gehöre ich wahrscheinlich leider noch zu den schnöden Normal-Pizzaverköstigern, die zwar gerne den Sprung ins Reich des unteren Pizzaflyers wagen, aber letztendlich noch direkt am Telefon bereuen, dass sie nicht einfach wieder die Funghi mit Champignons genommen haben.
Die wahren Perversionen werden auf der Pizzakarte ja immer erst weiter unten genannt. Für gewöhnlich steigert sich der Flyerdesigner in einem logischen Aufbau vom Normalen über das Ausgefallenere bis hin zum wirklich Bedenklichen. Unter letzteres fallen kulinarische Köstlichkeiten wie die Pizza Döner mit Pommes und alles drauf. Und Scharf. Gibt es wirklich. Besonders authentisch kommt das natürlich, wenn der Pizzaservice sich als Service original italienischer Köstlichkeiten bewirbt. Da sind wir wohl alle interkulturell nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Immerhin dachte ich bisher, dass die Italo-Omas aus der Bolognese-Werbung eher auf Hack- denn auf Dönerfleisch stehen. Aber nun denn, die Globalisierung scheint vor nichts Halt zu machen. Nicht einmal vor Murats original italienischem Pizzaservice.
Es ist sowieso allerliebst, was sich da so auf deutschen Pizzaflyern tummelt. Dinge, von dessen Existenz ich noch nie gehört habe und Kreationen völlig frei von logischen Zwängen. Ich meine, wer hätte gedacht, dass auf einer Pizza mit dem Namen „Salami“ sich auch wirklich eine solche befindet? Dan kann ja keiner mit rechnen. Insofern ist es durchaus richtig, das als erklärenden Zusatz dazu zuschreiben. Nicht, dass irgendwer hinterher noch sagt, das hätte er nicht gewusst und er wäre doch Vegetarier aus Leidenschaft und sehe sich so seiner persönlichen Freiheit beraubt, weil er einige Minuten Auge in Auge mit einer fettüberspülten Salamischeibe des animalischen Todes verbringen musste. Welch unzumutbare psychische Qual. In Amerika wäre diese Person nach erfolgreicher Klage reich bis ans Ende aller Salamitage.
Interessant sind aber auch Dinge wie zum Beispiel Artschocken. Die sollte ich mir nächstes Mal der Neugier halber einfach mal bestellen, denn bis heute kann ich mich mit mir selber nicht ganz darüber einigen, was jene Artschocken genau darstellen könnten. Sind es eher künstlerisch veranlagte Schocken (wobei dann natürlich über Aussehen und Geschmack der gemeinen Schocke an sich diskutiert werden müsste) oder ist es doch eher eine versteckte anarchische Aufforderung, seine eigene Art zu schocken? Dann fehlt aber das Ausrufezeichen hinter der Pizza und eventuell eine genaue Angabe der Zutaten, denn schließlich will ich ja wissen, womit ich meine künstlerisch veranlagten Artgenossen schocken soll.
Generell ist das mit den Satzzeichen und dem logischen Zusammenhang, den sie eventuell mit dastehenden Wörter bilden könnten sowieso eine schwierige Sache. Grund genug, um sie einfach zu ignorieren. Schließlich hat man ja als echter Globalisierungs-Pizzaservice hat gute Recht, seinen Bestellflyer nach eigenem Ermessen zu gestalten. Warum dann nicht mal Dinge wie „ Schnitzel mit Pommes frites, Reis o. Kroketten, dazu Krautsalat o. gem. Salat und Brot“ oder „Gerichte werden mit kl gem. Salat, Pommes’ und Ofen-frischem Brot geliefert“ darauf schreiben? Merkt hierzulande ja eh keiner.
Bedenklich wird die Sache nur, wenn man versucht, den Flyer in eine andere Sprache zu übersetzen. Wenn diese Sprache in ihrer Aussprache und der daraus folgenden Sinnhaftigkeit dann auch noch relativ tonhöhenlastig, wie zum Beispiel das die Phonetik liebende Japanische, ist, dann könnte es problematisch werde. Versteht der Japaner einen „Riesen Gemüse Burger gigantisch gross“ mit viel Glück noch als eine von primitiven Kulturen als essbar eingestufte Aggregation von landwirtschaftlichen Tiefkühlprodukten mit Ketchup, so kann ein „riesen-Gemüseburger, gigantisch gross“ schon eine Aufforderung zum atomaren Präventivschlag sein.
Vielleicht ist auch genau das der Grund, warum so selten Japaner beim Pizzaservice am Telefon sitzen. Die würden schier verzweifeln und jedem Besteller erstmal stundenlang erklären, dass sie heute keine Nahverteidigungswaffen mit Karamellüberzug im Programm haben. Dann doch lieber Murat am anderen Ende:
„Guten Abend. Ich würde gerne eine kleine Pizza mit Pilzen bestellen.“
„Ahh, …haben wir nicht. Kannst du kriegen Pizza mit Funghi. Mit alles drauf?“
…!
Tja, Amarica, das Land der Möglichkeiten…



