oder: Warum eine Auge wirklich das Fenster zur Seele sein kann
Und ich dachte schon, das Aussuchen einer Waschmaschine wäre schlimm. Aber ich sollte mich irren. Nun denn, eine neue Waschmaschine sollte es also sein. Das wäre ja im Prinzip eine psychisch ganz gut zu verkraftende Angelegenheit, wenn man nicht dazu genötigt wäre, sich so ein Ding vor Ort auszusuchen. In einem Geschäft. In einem kleinen Geschäft. Ich hasse kleine Geschäfte sowieso schon mal generell, weil sie einem jegliche konstruktive Privatsphäre rauben und meistens chronisch so minderfrequentiert sind, dass sich der dort irgendwo in Herbststarre verfallene Verkäufer sofort gierig auf einen stürzt, wenn er auch nur einen Hauch von kaufkräftigem Leben wittert. Da er ja lange Zeit geruht hat, musste er seinen Stoffwechsel erstmal wieder etwas hochfahren und was bietet sich da mehr an als ein gewinnorientiertes Verkaufsgespräch? Super. Mit sowas kann ich mental ja mal gar nicht umgehen. Dass der gute Mann uns natürlich gleich in die Gefilde der teuren Markenwaschmaschinen schleppte mit dessen Produktions-Werk er wahrscheinlich einen Vertrag auf Leibeigenschaft abgeschlossen hatte, versteht sich ja von selbst. Und dann fing er an. Und genau da hörte es bei mir auf.
Zuerst: das Bullauge. Im Volksmund auch Tür genannt. Es sei denn, man positioniert jene Waschmaschine der Träume in seinem persönlichen Großrauminnenaquarium und schreibt für den assoziativ eventuell nicht genug veranlagten Goldfisch „U-Boot“ in wasserfester Leuchtschrift an jene Waschmaschine. Aber gut. Neues Design. Das Waschmaschinenbullauge hat ein neues Design. Etwas futuristischer wohl als das bislang gängige Standardbullauge, damit es die Jugend mehr anspreche und sich besser in den modernen Haushalt eingliedere. Vielleicht müsste die Super-Nanny ihren Schützlingen dann endlich nicht mehr mit der stillen Treppe oder einem sofortigen Heroinentzug drohen. Super kann ich da nur sagen. Super. Das ist genau das, was meiner Wohnung noch zum innenarchitektonischen Glück gefehlt hat. Ein neu designtes Bullauge. Dass mir der Unterschied zum Ursprungsbullauge nicht als sonderlich signifikant ins Auge sprang, lag natürlich nur an meiner totalen Unkenntnis dieser ungetrübten und innovativen Designerfreuden gegenüber. Wie funktioniert das denn überhaupt in der Praxis? Sitzen da extra geschulte Bullaugen-Creative-Directors um einen kreativ korrekten runden Tisch und diskutieren fünf Wochen am Stück auf einem physisch total bedenklichen Koffein-und Erdbeerkuchen-Niveau über das beste optische Layout der neuen Generation von Waschmaschinentüren? Mein Gott, ich bin froh, wenn an mein optisches Zentrum die Information gelangt, dass die Waschmaschine überhaupt eine Tür hat. Bullauge, entschuldigung.
Er machte weiter. Der Einschalteknopf. Der inzwischen warmgesprochene Verkäufer erklärte völlig selbstverständlich, als ob es sein eigenes Hirn zur globalen Sinnfindung bräuchte, dass der Einschaltknopf zum Einschalten der Waschmaschine da wäre. Na Mensch! Gut, dass er das erwähnt hat, wo doch auch nur „Einschalten“ an dem Knopf steht. Wer kann das schon ahnen? Nachher hätte ich mich noch gewundert, warum die Maschine nach Knopfbetätigung so komische Geräusche macht und den Katastrophenschutz zwecks Befürchtung eines nuklearen Erstschlages angerufen. Da sollte man vorher informieren. Ebenso dankbar war ich über die Informationen bezüglich der Programmknöpfe Baumwolle, Synthetic und Jeans. Sie sind nämlich nicht etwa dazu da, um Baumwolle, Synthetic und Jeans zu waschen. Nein, man benutzt sie, wenn man Baumwolle, Synthetic oder Jeans waschen will. Ich wäre ja völlig aufgeschmissen gewesen ohne diese kompetente und zweckorientierte Beratung. Was hat bloß der damalige Urmensch gemacht, wenn er wieder einen fiesen Rotweinfleck auf seinem neuen Wildschweinfell hatte?
Da stand er dann ohne eine Ahnung, welches Waschprogramm er nun vom örtlichen Fluss verlangen sollte. Und wahrscheinlich war genau das die Geburtsstunde des gemeinen Waschmaschinenverkäufers. Die Evolution konnte das Drama nicht mit ansehen und bevor die gemeinen Fleckenzwerge die Menschheit noch vor ihrem definitiven Hochpunkt ausrotteten, saugte sie sich lieber eine neue Spezies aus den grasbefleckten Fingern. Herr Schmidtkowski-Meiermann war geboren. Urvater der Waschmaschinenfachberatung und Gründer der Initiative zur ständigen Trendanpassung des Bullaugendesigns. Das erklärt nun auch wiederum, warum jeder Depp Waschmaschinen verkaufen kann. Das ist eine genetische Sache. Das muss man halt im Blut haben. Verständlich.
Bei der Auswahl des noch zusätzlich zu kaufenden Bügeleisens habe ich aber die Verkäufergenetik ausgetrickst. Ich wollte das blaue. Einfach das blaue. Weil es blau ist. Das war der Grund. Ein Grund, der keiner weiteren Erklärung bedarf, weil er sich durch seine eigene Existenz schon selbst begründet, und somit jeder weiter Begründung völlig entbehrt.
Der arme Verkäufer konnte damit leider nicht umgehen und dematerialisierte sich augenblicklich zu einem Haufen Kochwäsche. Schade.




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