oder: Was hinter der Zahl Fünf wirklich steckt
Ich war gestern beim Frisör und eigentlich hatte ich entsprechend meines Geschlechtes sehr stark gehofft, dieser Besuch beim Coiffeur meines Geldbeutels würde mir den Tag etwas versüßen. Immerhin herrschte draußen herbstlich beschissenes Wetter. Wenn man schon vom lieblichen Klang des peitschenden Regens an den Schlafzimmerfenstern geweckt wird, dann kann man (frau) einfach nicht anders, als zum Friseur zu gehen. Was hätte der Tag sonst noch für einen Sinn?
Leider haben sich das die Friseurinnen in jenem Salon meiner Wahl auch gedacht. Ich weiß gar nicht mehr, wo es genau dunkler war. Draußen, wo die Wolken zwar keine Lust mehr zum Regnen, dafür aber zum fies, fett und grau rumhängen hatten oder drinnen, wo die Friseurinnen zwar keine Wolken waren, aber dennoch der selben Beschäftigung nachgingen wie ihre augenscheinlichen Vorbilder am grauen Himmel.
Bitte…!? Was kann ich denn schon wieder dafür, dass der hingeschmissene Hauptschulabschluss für das Mode-Design-Studium nicht ausgereicht hat und die nicht soo belichtete Existenz nun ihr Sein in einem schlecht beleuchteten 10-Euro-Friseursalon ohne Kaffeeanschluss fristen muss? Das kommt halt davon, wenn man im letzten Leben als Nacktschnecke ständig über zu wenig Körperbehaarung geklagt hat. Jetzt hat man sie und kann sehen, wie man sie wieder loswird, ohne dass einen die Kunden hinterher zu Brei zertrampeln oder mit Salz bestreuen bis man platzt.
Als ich den Salon betrat schallte mir ein sehr basslastiges „Hallo“ (und verpiss dich, ich krieg eh ‘n Festgehalt) entgegen. Es kam aus einem Kopf, der außer durch seine latent hängenden Mundwinkel und die allgemein leicht schwammig blass wirkende Gestalt vor allem durch die Behaarung an seinem oberen Ende auffiel. Mal ehrlich, ich bin mir absolut sicher, dass es in jedem Arbeitsvertrag für Friseurinnen eine Art Haarfrisurenklausel gibt, die genau definiert, wie die jeweilige Friseurin bezüglich ihrer Haare im Einzelnen auszusehen hat. Anderweitig wäre das gar nicht erklärbar. Die sehen ja immer alle aus, wie genetisch bedenkliche Kreuzungen aus permanent erregtem Farbgecko und Kondensmilch schlabberndem Hausigel. Nur weil man gerne Haare frisiert, muss man doch noch nicht gleich jeden Scheiß auch an sich selber umsetzen. Das wäre ja, als würde sich ein Dentalchirurg aus lauter Spass an der Freud ständig neue Kieferimplantate einsetzen. Das muss doch nicht sein.
Auffällig war auch, dass es von jedem Frisurentyp nur eine Vertreterin im Salon gab. Die obligatorische Langhaarige, die zur Zeit ihre wallende Mähne mit extremen Stufenschnitt und weiß-blonden Blocksträhnen quält, der schwarz-pinke Bob mit pickeliger Mischhaut, die auf alt und seriös getrimmte Kurzhaarfrisur, die in stillen Momenten einen dieser zwei Millimeter langen (!) Rattenschwänze trägt (der einzige Grund, für den die Produktion von winzig kleinen Gummihaarbändern noch aufrecht erhalten wird), die schwarzhaarige Gothic-Tante mit Arschgeweih und lila Deckhaar und die stumme russische Praktikantin, die stumm und ordentlich gekleidet irgendwo rumsitzt und der Dinge ha(a)rrt, die da nicht kommen. Erinnert mich irgendwie alles verdammt an diverse Castingshows, in denen ja auch eher die farblich gut integrierbare pinke Ponyfrisur den Weg zum nicht existenten Erfolg ebnet, als etwa vorhandener Gesang.
Es gibt also nur zwei Möglichkeiten. Entweder, der moderne Billig-Salonbesitzer ist auf den Trendzug der Zeit an irgendeiner Provinzhaltestelle aufgehoppelt und wählt nun sein Angestellten-Team in mehreren Disco-Castings aus. Das stelle ich mir persönlich sehr interessant vor. Gecastet wird unter anderem nach den Kriterien dümmster Blick, Kenntnis eines guten Nagelstylisten und dem Vorhandensein mindestens eines koordinativ gebrauchsfähigen Armes. So mache Wasserstoffperoxid-Schönheit muss da leider schon im Vorcasting aufgrund von ein oder zwei linken Händen ausscheiden. Ein Phänomen, das unter Friseurinnen aber dennoch häufig anzutreffen ist, weshalb nur das zu erwartende oder bleibt.
Also: Oder, die 10-Euro-Billig-Salon-Crew IST eine dieser gescheiterten Castingbandexistenzen. Ja, das wird es sein! Einiges spricht dafür. Zum einen auf jeden Fall die vorherrschende schlechte Laune. Ist verständlich. Schließlich fiel man ja vom Olymp des Pop-Himmels in den Sumpf der Popp-Hölle. Bedauerlich.
Zum anderen die Anzahl. Zählen Sie sie mal durch, diese 20-jährigen bunten Muffelmonster, die einem noch nicht mal einen lauwarmen Kaffee zur zwei Wochen alten Bunte bringen. Geschweige denn einen Werbekeks. Es sind immer fünf. Fünf, die magische Castingzahl. Fünf No Angels, fünf Backstreet Boys, fünf Milchschnitten im Fünferpack. Alles gecastet. Und alles schließlich an geschmacklichen Defiziten gescheitert.
Vielleicht sollten die Casting-Shows ihr Prinzip in Zukunft von vornherein ganz anders gestalten. Als Endaussicht wartet nicht mehr der lang erträumte Plattenvertrag und ein knochenbrecherisches Lasziv-Video mit Badeschaum im Maul, sondern die lebenslange Verdammnis in einem schlechten 10-Euro-Friseursalon in einer norddeutschen Kleinstadt mit 3 Euro Stundenlohn und den einst so geliebten Bandkolleginnen, denen man nun am liebsten jeden Tag das Wasserstoffperoxid tonnenweise in den nicht vorhandenen Kaffee schütten würde. Traumhaft.
Wenn das nicht motiviert…



