Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{November 30, 2006}   Von Bürohilfsmitteln und der Scheinbarkeit der Vorsilbe an

oder: Warum Microsoft bald in die Zeichentrickfilm-Branche einsteigt

So kam ich also gestern in die Verlegenheit, einen Rechner mit Windows Betriebssystem benutzen zu müssen. Da ich einen Brief (!- jenes Ausrufezeichen erklärt sich gleich aus dem wunderbaren Kontext) schreiben wollte, hielt ich es für vorteilhaft, dem Rechner vorzuschlagen, Windows Word zu öffnen. Die Betonung liegt hierbei eindeutig auf dem Verb vorschlagen. Man kann diesen Biestern ja nur mit seichten Vielleicht-Befehlen kommen, sonst zucken, schnarren und spucken sie sofort wie eine tollwütige Endzeit-Mungobohne und verweigern jedwede weitere Kooperation schon im geistigen Ansatz.
Ich habe den Rechner also ganz lieb davon überzeugen können, dass es sein ganz eigener Wille sei, genau in diesem Moment Word zu öffnen und nicht zu einer zischenden Masse aus Neutronenstaub und weißen Haribo Goldbären zu verpuffen. So weit, so widerlich. Ich tippe also meinen Brief und es hat nicht lange gedauert, bis sie da war. Sie kam angeradelt auf einer langen Papierrolle, indem sie sich selbst als Fahrrad benutzte. Schöner Trick im Übrigen.
Und dann war sie da. Die Windows-Word-Transformer-Büroklammer. Auftritt Monitorrand unten rechts.
Eine kleine Nanosekunde lang schaute sie mich mit ihren völlig überdimensionierten blinkernden Wasserkopf-Glubschaugen an, bevor sie folgenden Satz von sich gab:
Anscheinend möchten Sie einen Brief schreiben.
Anscheinend? Was heißt denn hier anscheinend? Wie subtil herablassend kann eine pixelige Daten-Büroklammer denn sein? Anscheinend. Das klingt ja gerade so, als ob ich mir ein Spiegelei braten würde, es kunstvoll zu einem schwarzen Kohlenstoffhaufen verschmore und dann Tim Mälzer hinter mit steht und sagt: Anscheinend möchten Sie ein Spiegelei braten. Ich kann schon ganz alleine einen Brief schreiben. Miststück.
Anscheinend. Ich werd’ der Klammer was mit anscheinend. Ich weiß ja nicht, wie sich dieses Klammer-Biest seinen Wunschbrief vorstellt, aber meiner hatte eine Kopfzeile, eine Anrede und einen wunderbaren Text. Dass diese dämliche Word-Version anscheinend(!) nicht in der Lage ist, Kopfzeilen rechtsbündig zu setzen, ist ja wohl nicht mein Fehler. Zickiges Biest. Wer programmiert denn bitteschön diese psychotischen PC-Helfer? Woody Allen?
Ich kann das mindestens genau so gut und hätte hier einmal ein paar Vorschläge für ein paar wunderbare Büroklammer-sound-a-like-Sätze, die sich absolut wunderbar anwenden lassen, während man in Word unqualifizierte Stümperaktivitäten ausführt:

Anscheinend möchten Sie eine Taste drücken. (Erscheint während des nicht fachmännischen Berührens von Tastatur-Tasten).

Anscheinend möchten Sie ein Wort schreiben. (Erscheint immer dann, wenn man das Wort Einschusswundensofortdesinfektionsnarkoleptikum schreibt).

Anscheinend möchten Sie einen Suizid ausführen. (Erscheint immer dann, wenn der Monitor in Berührung mit handwarmem Blut kommt).

Arrogantes Büroklammerstück. Die Hilfe, die sie mir anbot, habe ich übrigens dankend abgelehnt. Sie hat nämlich allen Ernstes gefragt, ob ich meinen Brief mit oder ohne ihre Hilfe schreiben möchte. Ich konnte mich kaum entscheiden.
Zumindest hat sie das anschließende Schließen des Programmes ohne Mucken akzeptiert und nicht noch circa 3 Milliarden mal nachgefragt, ob ich das auch wirklich will. Wer weiß, vielleicht weiß ich ja nicht, was ich tue, wenn ich auf Schließen drücke. Und wenn doch, vielleicht bin ich ja extrem sprunghaft und mit der Entscheidungsfreudigkeit eines militärischen Kampfprozessors ausgestattet, so dass ich mich quasi schon wieder umentschieden haben könnte, noch bevor ich eigentlich auf Schließen gedrückt hätte. Da kümmert sich so ein Rechner schon um seinen Benutzer.
Aber meine liebe Büroklammer hielt das wohl nicht für nötig.
Anscheinend hatte sie besseres zu tun.



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