Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{November 01, 2006}   Von der Lieblichkeit der Lipophilie

oder: Was der wahre Preis eines Gutscheines ist

Vorurteile und klischeehafte Vorstellungen von irgendwelchen ominösen Begebenheiten entstehen nicht völlig wahllos. Es gibt immer eine reale Vorlage für das überspitzte Weltbild, das durch sie dargestellt werden soll.
Die Realitätsvorlage für eine original Knastkantine findet sich in Bad Segeberg bei Möbel Kraft in der Cafeteria. Ich fand mich kürzlich mit meiner Mutter dort ein, denn: Wir hatten Gutscheine. Dieses primitive Mittel der Werbung und effektiven Kundenbindung offerierte uns den Erwerb von zwei Schweinshaxen zum Preis von nur einer. Ja, ja. Da muss man doch einfach zuschlagen. Die Schweinshaxen sahen beängstigend eklig aus und es gab mindestens 1000 in jeder Hinsicht bessere Alternativen zur kulinarischen Bedürfnisbefriedigung? Egal. Wir hatten doch Gutscheine. Das ist ja das Hinterhältige bei diesen Biesern der werbetechnischen Lockkunst. Man fühlt sich ungeheuer privilegiert und erwirbt einfach alles, was einem das ausgestanzte Stück Billigpapier nahe legt. Die hätten auch pochierten Pavianarsch auf Toast an dehydrierten Nacktschnecken in Salbeisauce anbieten können, wir hätten es gekauft, denn: Wir hatten ja Gutscheine. Und ich hätte es in keiner Weise mit meinem Gewissen vereinbaren können, jene Schweinshaxen nicht zu kaufen. Dieser unglaublich ignorante Verlust an privilegierten Verkaufsvorteilen, den man dann in Kauf nehmen würde. Unaushaltsam. Noch Monate später würde einem das zu schaffen machen. Wir waren also regelrecht gezwungen, wir konnten nicht anders.
Und an der Schweinshaxenausgabe stand sie dann. Der Grund, warum Stephen King Sie einfach nur Sie nannte, der Grund, warum wilde Rottweiler sich winselnd in kleine unbequeme Ecken quetschen und die Omas hinter uns in der Schlange niemals das Drängeln angefangen hätten, selbst wenn man ihnen unter Androhung des Erdbeekuchenverlustes den Gehstock weggenomen hätte.
Lieblich schwitzend mit leichenweißer Haut und pulsierenden Aknepickeln, die viel zu selten von einer der fettigen Haarsträhnen überdeckt wurden, stand sie da in ihrer ganzen fettleibigen stoßweise atmenden Pracht. Bereit zur Essensausgabe. Gesprochen hat sie nicht, lediglich ein zustimmendes Brummen verkündete von der akustischen Aufnahme unserer Bestellung, die eigentlich völlig überflüssig war, gab es doch an unserer Schlange nicht wirklich etwas anderes außer besagte Haxen. Fettige dicke weiße Wurstfinger griffen sofort nach einem weißen Standardporzellanteller und verschmolzen mit ihm zu einer einfarbigen beängstigenden Masse. Die andere verfügbare Fetthand griff eine Schweinshaxe vom naheliegenden Schweinshaxenberg und klatschte sie mit einer Wucht auf den Teller, der das ganze Möbelhaus für den Bruchteil einer Sekunde unter den Meeresspiegel sinken ließ. Wäre es da bloß geblieben.
Das Drama setzte zum zweiten Akt an und öffnete einen Topf mit gelblich dahin wabernden Klößen. Ein ordentlicher Klumpen frisch im Physikabor hergestelltes Plasma wäre vor Neid einfach wieder in sich zusammengefallen, hätte es diesen Aggregatzustand gesehen. Aber die Klöße blieben. Und sie nahmen etwas mit. Wasser. Warmes Kochwasser. Madame Haxenschwein hatte es nicht so mit der unsittlichen Sitte des Abtropfenlassens, schließlich drängte die Zeit und der durchschnittliche Letalrentner hinter uns in der Schlange wollte sein Essen gerne noch physisch intakt erleben. Danach war Zeit und Grund genug zum Sterben.
Gekrönt wurde die Gutsch(w)einleckerei von einer dezenten Wagenladung dunkler Bratensoße, die sich mit sich selber nicht ganz einig über ihren bevorzugten Aggregatzustand war. Teile von ihr waren durchaus flüssig, während circa ein Drittel eine klumpig-feste Existenz für erstrebenswerter hielt. Zusammen ergab das Ganze die mit Abstand ekelhafteste Soße, die ich jemals verkostet habe. Vorher streckte mir Lady Aknefresse aber noch mit tonnenschwerem Negativlächeln den liebevoll bereiteten Teller entgegen und suggerierte mir auf recht subtil schnaubende Weise, dass Kritik gänzlich unangebracht war. Friß’ Haxe oder Faust. Die Verkörperung von Mutter Beimer beim kalten Heroinentzug im wischnassen Treppenhaus hätte ihren Job nicht besser machen können.
Dass der ganze Fraß abgrundtief scheiße geschmeckt hat und wir uns anschließend mit Kaffee und Kuchen angemessen entschädigen mussten, versteht sich wohl von selbst.
Macht aber nichts, wir hatten ja Gutscheine.




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