Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{November 03, 2006}   Von der Kritik am nutzlosen Perfektionismus

oder: Warum vox durchaus ein Abbild menschlichen Verhaltens sein kann

Gerade lief Das Perfekte Dinner auf vox. Gut, es geht zwar nahe liegender Weise darum, das perfekte Dinner auszurichten, aber ich verstehe nicht, warum perfekt in diesem Fall immer gleichbedeutend mit komplett selbst gemacht sein muss. Wenn man zum katalonischen Meerschweinchenragout auf karamellisiertem Mangoldbett Pasta mit Safransoße kredenzen möchte, hat man keinerlei Chancen auf die heiß ersehnten 1500 Euro, wenn man die Pasta nicht selbst hergestellt hat. Frisch gekauft oder gar ordinär getrocknet aus der Birkel-Plastiktüte geht da mal gar nicht. Was soll denn das? Und wie weit soll das denn noch gehen?
Der moderne Mensch neigt ja sehr stark dazu, das Außergewöhnliche schnell als das Normalste der Welt anzunehmen. Mit selbst gemachter Pasta gerät man da schnell ins Hintertreffen, hat man nicht auch noch die eigene Hühnerfarm und die Hartweizengriesplantage in der hauseigenen und weltweit natürlich einzigartigen Nobelküche mit Edelstahlpanorama und Tropenholzkühlschrankverkleidung. Sowas könnte eventuell noch kurzzeitig imponieren. Aber sicherlich auch nicht lange. Dann kann man nur noch mit der massstabsgetreuen Nachbildung der italienischen Landmassen punkten, aber auch nur, wenn man alle darauf befindlichen Italiener selber gezüchtet und ihre Pastagedanken ein Werk der eigenen philosophischen Evolution sind und das alles zusammen schon seit mindestens fünf Erdzeitaltern am Nachreifen ist. Einfache Pasta will niemand mehr sehen, schon gar nicht, wenn sie profan als Nudeln betitelt wird.
Das ist doch komplett bekloppt. Und widersprüchlich in sich noch dazu. Aber widersprüchlich ist der Mensch ja nur allzu gern. Einerseits soll heutzutage alles bestmöglich technisiert, cyberspace-mäßig verlinkt und mit nach Erdnussbutter schmeckendem Blattgold überzogen werden, aber andererseits hat das alles keinen Wert, wenn man all das nicht komplett alleine bewerkstelligt hat. Das kann doch keiner schaffen. Ein modernes Menschlein scheint nur noch bei seinen Leidensgenossen Eindruck schinden zu können, wenn es in der Lage ist, die bestmögliche Version eines alles könnenden Mini-Gottes zu verkörpern. Wie lächerlich. Letztendlich hat Gott die Pastamaschine doch auch nur deswegen erfunden, weil er persönlich einfach zu dämlich dazu war, diese mistigen langen Dinger selber zu machen und weil ihm der Scheißteig immer an den transzendenten Fingern kleben geblieben war. Aber der Mensch muss das wieder alles alleine machen. Und er muss einfach alles können. Alles was geht und das auch noch möglichst perfekt. Für Dilettantismus ist da natürlich keinerlei Platz vorgesehen. Wenn man für Gäste kocht, dann mindestens 73 nie dagewesene Gänge mit edelsten Zutaten, die nicht zwingend schmecken, aber alle Gäste vor Beschaffungsneid sabbernd und wimmernd auf den Boden sinken lassen müssen. Wenn man ein Hobby ausüben möchte, dann bitte nur mit der erlesensten Spezialausrüstung und den dazugehörigen alkohollastigen Wochenendtrainingscamps und equipment-präsentierenden Wettkämpfen. Einfach nur Fahrrad fahren ist nicht mehr. Der Job bringt einem selbstverständlich auch nur das nötige Allgemeinansehen, wenn man jeden Tag mit mordlüsternen Todesgedanken bezüglich des Chefs beginnt, um schnellstmöglich dessen Platz am Mahagoni-Schreibtisch mit Bewegungsmelder zu stürmen und sich mit cheftauglichen Nutzlosaccessoires wie drei Badezimmern und einem Waschbärenlenkradfell zu beschenken. Und was hat man dann davon? Spaß sicherlich nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Der Mensch will alles perfektionieren, aber um welchen Preis? Bei allem Perfektionismus sollte man nicht das Leben vergessen, das ja anscheinend so schrecklich langweilig und komplett geistig anspruchslos sein muss, dass wir es darin nicht aushalten, ohne an jeder Ecke dran herum zu optimieren.
Ich denke, ein bischen mehr mit Freude verspeiste Tütennudeln, konkurrenzlos ausgeführte Hobbies und einfach ein bischen mehr Genußfähigkeit in allen Lebensbereichen würde allen Menschen durchaus gut tun. Wenn man schon etwas perfektionieren will, um Eindruck zu schinden, dann doch bitteschön die Kunst zu leben. Und der einzige, der vor dieser Kunst vor Neid erblasst, sollte man selber sein. Und das jeden Tag aufs Neue.
DAS musste jetzt auch mal sein.



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