oder: Aus dem Alltag eines Monosaccharids
Ich bin drauf. Am Ende. Bis zum Sättigungspunkt mit herum springenden Schaumgummifröschen vergiftet.
Die Tragik ereignete sich heute. Der zeitlich großzügige Zeitgenosse kann der Definition halber auch gerne den undefinierten Begriff vorhin benutzen, was natürlich in keinerlei Zusammenhang zu den sich ereignet habenden Ereignissen steht und darum selbstverständlich jedes Ereignishorizontes entbehrt. Ein weiterer Grund, den Ball immer schön flach zu halten.
Aber gut. Es sollte also so sein, dass ich mich gegen 18h in Kiel mit zwei thematisch involvierten Leidensgenossen zu einem Vortrag über Aggressionen bei Hunden wiederfand. Da wir uns also auf einer größtenteils konsumorientierten als Informationsabend getarnten intellektuellen Butterfahrt befanden, hatte ich fälschlicher Weise angenommen, es gäbe was zu essen in dem Laden. Irgendjemand will doch immer Profit aus den niederen menschlichen Bedürfnissen schlagen. Aber nein. Nichts. Noch nicht mal eine staubtrockene Riesenbrezel für 3,50 Euro pro Salzkorn, die das Präfix riesen auch nur verdient hätte, weil keinerlei Vergleichsobjekt zur Stelle war. Das ist übrigens oft der Fall und das nicht nur bei Riesenbrezeln. Riesencurrywürste und Riesenräder sind nebenbei bemerkt vom selben Schicksal betroffen und sollten der vergleichenden Logik halber besser Überhaupt-Würste und Räder genannt werden, einzig und allein aus Ermangelns einer zu Vergleichszwecken benötigten Vergleichsmöglichkeit, ohne die der vergleichende Vergleich jeglicher Vergleichskraft entbehrt und sich somit ins logische Nichts auflöst, was wiederum die Nichtexistenz jener Vergleichsobjekte nach sich zieht und somit die Brezelfertigteigindustrie in den finanziellen Ruin stürzen würde. Nicht auszudenken.
Aber es gab keine Riesenbrezeln. Noch nicht mal überteuerte Parma-Schinkenimitatbrötchen vom Vortages-Event. Nichts. Sogar die Cola war erschwinglich. Ich meine, das ist doch wirklich traurig. Wie soll denn da die richtige Eventstimmung aufkommen, wenn die Flasche Cola nur 1,50 Euro kostet und die Strohhalme sogar umsonst sind? Nicht, dass ich es jetzt so dicke hätte. Aber es gehört doch einfach dazu, sich über die horrenden Preise und die miserablen Sitzgelegenheiten aufzuregen, aber es gab nichts, worüber man sich aufregen konnte. Noch nicht mal der Vortrag an sich. Und dabei war der Titel doch schon so vielversprechend gewesen. Aggression bei Hunden und ihre praktische Umsetzung am eigenen Sitznachbarn. Aber es ging nicht. Nichts zum Aufregen da. Ich habe nichts gefunden, und ich finde für gewöhnlich IMMER etwas und sei es auch nur der Punkt der Unauffindbarkeit des zwanghaft zu Findenden. Philosophisch betrachtet, befand ich mich geistig irgendwo zwischen dem Sein und dem Nichtsein, an der Schwelle zwischen Existenz und Soyasoße oder einfach irgendwo im Ereignisäther eines Hugh Grant Films. Nett anzusehen. Muss aber auch nicht sein. Kann aber durchaus doch, weil es nicht sein muss, dass es nicht sein muss. Ein Stück Zwiebel in der Gemüsesuppe, die existiert oder es auch einfach lässt. Einfach die pure Form des simplen sich Ereignens. Ohne Für und Wider. Einfach da. Schön.
Ich sah mich also gezwungen zu essen und mein kulinarisches Abendmahl in Form von Toffifee und Schaumgummifröschen zu mir zu nehmen. Eine Kombination, die sehr gut zu dem heute bislang konsumierten Kaffee und der in Lebkuchen versteckten Kopfschmerztablette passte.
Und dann kam, was kommen musste. Die totale Stoffwechselentgleisung. Koffein und anderen Dreck ist mein Körper ja durchaus gewohnt, aber kurzkettige schnell verfügbare Zucker…?! Da hört der Spaß wirklich auf. Ab einer Menge von zwei Gummifroschschenkeln pro zirkulierendem Milliliter Blut bin ich leider nicht mehr zurechnungsfähig. Ehrlich, ein ganzes Weinlager auf Exkursion ins Phantasialand ist nichts dagegen. Ich neige dann zum unkoordinierten Reden und zum desorientierten Autofahren nach dem Ach-mein-Gott-hier-bist-du-schon-Prinzip, was mich auch gerne mal das Gefühl haben lässt, die nächste sich nähernde Betonwand wäre einfach durchfahrbar. Ähnlich wie Nebel. Bloß fester.
Peinlich wäre das Ganze dann aber erst bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle. Mein Blick ähnelt zwar sehr stark dem des Red Bull im analogen Wodka, bloß wird das Pusteröhrchen nicht allzu viel anzeigen. Und es bleibt anzuzweifeln, ob mich die netten Herren mit den schönen Uniformen nicht gleich in eine verhältnismäßig gut ausgepolsterte Zelle schließen, wenn ich denen sage, ich hab die Laterne und den fett ausgeleuchteten Gartencenter-Eingangsbereich mit geliehenem Dekorations-Yeti nur umgenagelt, weil ich zuviel Gummifroschzucker in meiner Blutbahn habe. Das macht mich halt immer so fahrig beim Fahren.
Den Ernst der Lage habe ich aber erst so richtig gespürt, als ich auf dem Rückweg noch einen Umweg zur Tankstelle gemacht habe, um mir einen King Size Snickers zu organisieren. Das ist für ein Persönlichkeitsbild wie meines, das normaler Weise schon zu faul ist, sich alleine irgendwo einen Kaffee zu kaufen, selbst wenn er direkt im eigenen Magen aufgebrüht wird, schon sehr besorgniserregend.
Die Rache für diesen ungehemmten Zuckerexzesses wird sich morgen früh auf der Waage einfinden und mich daran erinnern, dass Zartbitterschokolade einfach keinen Spaß macht und die Welt auf Dauer ohne Riesenbrezeln zu einem großen Klumpen Natriumchlorid verpuffen wird.
Der Mensch sollte sich zusammenfassend also einfach mehr bemühen zu essen, was er isst, ohne dabei zu vergessen, das zu essen, was er isst. Allerdings mit Vanillesoße.
Guten Morgen.



