Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{November 14, 2006}   Vom Ableben zweier Lebensabschnittsgefährten

oder: Warum die Zeit unbedingt in Turnschuhen rennen sollte

Meine Turnschuhe sind gestorben. Heute morgen. Während ihres wahrscheinlich letzten Laufes durch den lieblichen Novembernieselregen, der einem auf so subtile Weise die Farbe aus dem Gesicht treibt, die man um diese Jahreszeit eh nicht mehr hat. Und wenn man sie hat, dann geht man nicht joggen, denn dann ist man ein rotierender Hauptstadt-Broiler auf dem Weg zur kulinarischen Endbestimmung.

Sie sind tot. Aber sie sind nicht spontan gestorben. Sie haben es angekündigt. Vor allem der rechte, durch den die herbstliche Bodensuppe zuerst ungehindert durchkroch. Natürlich habe ich diesen bevorstehenden Textiltod zuerst komplett ignoriert. Jedenfalls soweit das mit quatschnassen Füßen und dem Wissen, dass Schweißdrüsen in diesen Dimensionen an mir bekannten Füßen eher weniger existieren, ging. Es soll ja aber durchaus auch Menschen geben, die ihren gesamten Körperschweiß über die Füße absondern, aber dieser Spezies würde ich dann eher zu einem täglichen Kneipp-Bad raten. Da fällt dieses ekelhaft supschende Schmatzgeräusch, das solche Individuen sonst bei jedem Laufschritt von sich geben, nicht so auf.

Sie sind tot. Gestorben an einer offenen Wunde im vorderen und seitlichen Zehenbereich, durch die sie sich nicht mehr in der Lage sahen, das Wasser zu halten. Nichts ist schlimmer für einen gestandenen Laufschuh als der Moment, in dem der poröse Lochfraß die Oberhand über seine Hightech-Fasern gewonnen hat und der Schuh sich vollkommen wehrlos den Elementen hergeben muss.

Sie sind tot. Diese einst so wunderbar taubenblauen Ausgeburten der komplett gewinnorientierten Fitnessindustrie, die ich damals in meiner ungeheuren Güte vor dem sicheren Ende im Discountmarkt oder auf einem unvorteilhaften ebay-Photo gerettet habe. Sie waren so süß und klein und die letzten aus ihrem Designer-Wurf. Einsam und verlassen hockten sie winselnd in einer Pappschachtel bei Karstadt-Sport und lächelten mich an mit ihren unbenutzten weiß glänzenden Schnürsenkeln und der so sauberen schock-absorbierenden Waffelprofilsohle für Normalfußabroller mit angehender Tendenz zum Spreiz-Senkfuß im hinteren Vordermittelfußbereich.

Sie sind tot. Diese dreckigen kleinen Schlammlatschen, denen ich nicht ein einziges Mal den Sand und die nasse Erde von den Sohlen geklopft habe, wenn er denn nicht ganz von alleine in Massen abgefallen war. Diese kleinen drückenden Sportbiester, die ich mir wissentlich eine halbe Nummer zu klein gekauft hatte, nur weil sie gerade so schön billig und blau waren. Diese kleinen Textiltyrannen, mit denen ich nur schmerzfrei zusammen arbeiten konnte, wenn ich mir die Fußnägel bis kurz vor der Nagelbettentzündung gestutzt hatte.
Aber ich hatte sie gekauft und deshalb habe ich sie lieb gehabt. Bis zum bitteren Ende.

Sie sind tot. Sie hinterlassen zwei noch intakte Schnürsenkel, zwei traumatisierte große Zehen und diverse zurückgelegte Kilometer.

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