oder: Warum das Wesentliche immer unverändert bleibt
Also liebe Welt, ich habe mir vorhin die Haare gewaschen. An sich ja nun nichts besonderes, eher etwas Wünschenswertes…
Faszinierend war bei genauerer Betrachtung nur die Tatsache, womit ich mir die Haare gewaschen habe. Man könnte meinen, es wäre Shampoo gewesen. Aber das eigentliche Shampoo gibt es ja schon lange nicht mehr. Ich glaube, das normale Shampoo ist unmittelbar nach meiner Kindheit gestorben. Gleich nach den Pizza fressenden Teenage-Mutant-Hero-Turtles. Wie traurig.
Wenn mir damals die Haare gewaschen wurden, dann mit irgendeinem bevorzugt rosa-farbenen Chemie-Gemisch, das nach Rose oder auch nach Rose duftete, wenn nicht sogar nach Rose oder wahlweise auch nach Rose, und sich einfach Shampoo nannte. Seine Aufgabe war es, meine Haare zu waschen. Ein recht primitiver Weggeselle, den es heute nicht mehr gibt. Ruhe er sanft und ohne tränende Augen.
Heute bevölkert eine Horde hochentwickelter Shampoo-Mutanten mein Badezimmer und vor allem die Supermarktregale. Mein Gott, es gibt soo viele davon. Und alle haben eine spezielle Qualifikation. Ohne Qualifikation kann ein Shampoo heutzutage ja auch nichts mehr werden. Momentan bevorzugen die kleinen Shampoo-Neulinge gerne den Weg in die Colorationsbranche, in der ihnen ungeahnte Möglichkeiten offen stehen. Sie können Haare rot, braun oder ocker färben, tristen Zeitgenossen den nie vorhanden gewesenen Glanz zurück bringen, spülen, pflegen, den Kopf massieren und den letzten Schuhkauf lobend honorieren. Manche haben sich dabei sogar auf den Einsatz am grauen Haar spezialisiert. Ein Job, der bei korrekter Ausführung mit sehr viel Lob und Anerkennung verbunden ist, vom Shampoo aber natürlich einiges an mentalem Einsatz verlangt.
Der eher aggressive Shampoo-Geselle findet seine Bestimmung wohl in der Einheit zur aktiven Schuppenbekämpfung. Dafür werden die Shampoos lange in den Bereichen trockener Nahkampf, Bedrohung durch kratzende Hände und eigene Ekelüberwindung trainiert, bevor sie zum Einsatz an die Kopfhaut-Front gelassen werden. Ein sehr ideeller Kampf gegen das Schlechte der Welt. Nicht selten werden die Shampoos wegen Depressionen und allgemeinen Verzweiflungssymtomen vom Markt genommen.
Teamfähige Shampoos finden sich oft in kollektiven Haarwaschgemischen gut zurecht. Besonders beliebt ist die Stelle der Mitarbeit in einem 3in1-Produkt, die allerdings nur allzu oft mit der ehrenamtlichen Tätigkeit in angehörigen Spülungen und Kuren einher geht. Vielen Shampoos wird das zuviel und sie klagen über einen Mangel an Privatssphäre in ihrer eigenen Flasche.
Die wahren Genies unter den Shampoos bleiben von den Problemen ihrer Kollegen allerdings völlig unberührt und arbeiten inzwischen sogar schon auf den Nobelpreis für Badezimmer-Physik hin. Das Thema ihrer Forschungsarbeit ist das gleichzeitige Erkennen und Bekämpfen von Haaren mit trockenen Spitzen und fettigem Ansatz. Erste Feldstudien werden schon seit längerem auf dem Markt durchgeführt, jedoch sind die ausführenden Shampoos im Moment noch zu verwirrt für diesen zwiespältigen Einsatz. Der nächste Schritt wird die Entwicklung eines selbst denkenden Shampoos sein, das frei entscheiden kann, an welchem Haarbereich es welchen Einsatz für sinnvoll hält. Die Gewerkschaft der arbeitenden Shampoo-Vielfalt ist natürlich strikt gegen diese Innovation, fürchtet sie doch um einen enormen Arbeitsplatzverlust am Shampoo-Markt der Vielfalt.
Ungeachtet allen Trubels wurde heute im stillen Ambiente eines Sonderposten-Regales der Friedens-Nobel-Preis für das friedfertigste Lebenswerk im angewandten Shampoo-Bereich verliehen. Er ging an ein scheinbar unscheinbares Rosenshampoo, das sein ganzes Leben damit verbracht hatte, Haare zu waschen.
Herzlichen Glückwunsch!




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