Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{November 28, 2006}   Von der Zwischenexistenz in der holden Weiblichkeit

oder: Warum das Skalpell bald ein Lehrberuf wird

Ich habe ja versucht, mich weiblicher zu gestalten. Vielmehr meine Hände. Ich gehör(t)e ja zur der Gattung weibliches Wesen, das ihre Fingernägel nicht nur berufsbedingt, sondern auch aus tiefster Überzeugung bis kurz vor die Nagelbettentzündung zurück stutzt. Nicht unbedingt schön, aber praktisch.
Nun hatte ich es aber versucht. Ich hatte es wirklich versucht. Ich habe meine Fingernägel wachsen lassen. Ich habe sie sogar richtig lieb gehabt und mich um sie gekümmert. Ich habe sie mindestens alle 10 Minuten sauber gemacht, wenn sich der Wohnungsstaub und die Umgebungsluft hinterlistigst hinter ihnen niedergelassen hatten und ihr ach so schönes Weiß trübten. Ich habe sie gefeilt und lackiert, sie andächtig mit ausgestreckten Händen bewundert und ihnen verspielte Tiernamen gegeben. Ich habe mich jeden Tag an ihren Wachstumsfortschritten ergötzt und ihrem lieblichen Klappern gelauscht, wenn sie über meine Tastatur huschten. Ich habe zwei Wochen purste Weiblichkeit hinter mir, in der ich zum ersten Mal ansatzweise (aber auch nur ansatzweise!) verstehen konnte, warum Milliarden von Weibern sich fünf Pfund bunt bemaltes Billigplastik an die makellosen Händchen kleben lassen und dafür noch ein halbes Schlecker-Markt-Monatsgehalt hinblättern.
Aber gestern, oh mein Gott, gestern. Ja, gestern ist es dann passiert. Mir ist ein Nagel abgebrochen. Der Daumennagel. Einer der Nägel, die die ich besonders stolz war. Er war so ein guter Kerl. Er war von so fester, harter Konsistenz. Man konnte ihn ohne weiteres verbiegen wie einen lustigen Partyluftballon und wenn ich nicht um seine rein weiße Farbe gebangt hätte, hätte ich den Aushilfsjob als Ersatz-Skalpell im örtlichen Krankenhaus natürlich sofort angenommen. So durfte er sich aber immerhin an bockigen Käsepackungen austoben. Bis gestern. Da war es dann vorbei. Der Schmerz war groß. Sehr groß.
Nur ein paar Stunden nach seinem Ableben musste ich auch all seine Freunde töten, die sich in tiefster Trauer haben hängen lassen und unter den Folgen eines spontanen post-mortalen Grauschleiers litten und denen ich ein Leben ohne ihr großes Vorbild nicht mehr zumuten wollte. Ich kann die unglaubliche Trauer dieses Momentes gar nicht tiefgreifend genug beschreiben und wünsche nicht einmal dem hässlichsten paraguayanischen Nacktmolch ein solches Schicksal.
Aber die Trauer verging schnell und es kam etwas viel besseres. Die Erleichterung.
Ich kann gar nicht beschreiben, wie herrlich es ist, wieder mit normalen Fingernägel durch das Universum zu fingern. Keine lästigen Lackierverpflichtungen mehr, weil am linken Ringfinger wieder ein kleiner Lackschaden auftrat und der Lack am kleinen Finger auch schon feinste Haarrisschen aufwies. Herrlich. Endlich nicht mehr Sklave der zeitraubenden Nagellackindustrie und abhängiges Schnüffelopfer der Nagellackentfernerdämpfe. Ein Traum wurde war. Das wahre Ich lässt sich eben doch nicht kostümieren. Auch nicht mit Nivea Beaute Flex&Strong with Bamboo und Magic Shimmer in Zartrosa (das ist ein anderes Thema…).
Oh wie schön es doch klingt, dieses unverfremdete Eigenklappern meiner Tastatur…




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