oder: Warum Dr. Murphy sicherlich Wintersportler war
Ich habe heute morgen verschlafen. ICH habe heute morgen verschlafen. Ich glaube, die Welt ist aus lauter Verwunderung in dem Moment wieder spontan zur Scheibe geworden, als ich auf mein Handy schaute, welches mir sehr liebreizend suggerierte, dass ich in genau einer Minute mit meinem Auto in der Werkstatt sein sollte. Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte, was nicht zuletzt dazu führte, dass ich unter meinen zart-rosee-farbenen Wollpullover ein grün-braunes Batik-Shirt gezogen habe. Interessiert zwar eh keinen und es sieht auch niemand, aber das Gefühl alleine reicht schon aus, um ein gewisses Unbehagen in meiner näheren Umgebung zu verbreiten. Ich fühlte mich in dem Moment wirklich nicht bereit. Für nichts.
Ich verschlafe für gewöhnlich nie. Nie. Ich wache zwar mitnichten zu einer bestimmten Zeit auf, aber ich habe die wunderbare Gabe, mir einem Wecker stellen zu können, diesen zu hören und danach zu handeln. Bloß heute nicht.
Dazu kam noch sehr erschwerend, dass es schneit. Der erste Schnee. Wie grausam. Wie abgrundtief grausam. Ich hatte soo gehofft, dass der Winter es einfach mit 9°C gut sein lässt, aber nein…
Das ist aber gar nicht das Schlimme. Das Schlimme ist, dass ich hier in Schleswig-Holstein wohne. Hier kennt man keinen Schnee. Schnee ist hier Wortstamm-mäßig gesehen der selben Familie zuzuordnen, wie die Worte Berg, arktischer Nacktmull oder Germknödel. Hier bricht einfach jedes Mal das totale Straßenchaos aus, wenn auch nur eine leichte Puderzuckerdecke auf der Straße liegt. Man munkelt, der Schleswig-Holsteiner ließe sich sogar durch echten Puderzucker arglistig täuschen, da ihm die Vergleichsmöglichkeiten und ein Schnee erkennendes Enzym fehlen.
Der Schleswig-Holsteiner an sich neigt im Falle des Schneefalles dann stark zum Innenstadt-Tempo 28, Tempo 15 in Kurven. Dabei beträgt die Schneedicke circa einen halben Millimeter. Für einen Nicht-Schleswig-Holsteiner kaum zu erahnen, was es bedeutet, wenn hier RICHTIG Schnee fällt (so 10 Zentimeter)….
Aber wenigstens fand mein Auto Freude an der ganzen Sache. Seit seinem letzten Werkstattbesuch, bei dem es zwecks totaler Abnutzung neue Vorderbremsen bekommen hat, meinte es, das ABS konsequent anspringen lassen zu müssen, wenn die Geschwindigkeit unter 10 km/h fällt (grob geschätzt, sein Tacho funktioniert ja nicht…). Will heißen, wir stotterten uns über Weihnachten langsam an jede Ampel ran. Traumhaft. Ein unbeschreibliches Fahrgefühl, das wirklich jeder mal erlebt haben sollte. Seit gestern aber nun, und so auch heute morgen, hat mein Auto diese Handlung eingestellt und bremst wieder normal. Dafür leuchtet allerdings die Warnlampe für das ABS. Was will mir mein Auto damit sagen?
Es ist nämlich nicht so, dass man den Warnleuchten Glauben schenken könnte, die es auf seiner verstaubten Anzeigetafel so besitzt. Immer passend zur dunklen Jahreszeit beginnt es damit zu leuchten, jeden Tag eine andere Lampe. Manchmal sogar in Kombination mit anderen. Bloß alle zusammen haben noch nicht geleuchtet, aber wahrscheinlich tun sie das, wenn das Auto nachher aus der Werkstatt kommt.
Zum Glück ist der KFZ-Mensch ein Bekannter meines Vaters, so dass ich mir nicht ganz so dämlich vorkam, als ich ihm erklärte, dass das, weshalb ich hier bin, momentan ganz in Ordnung ist, das Auto aber ganz anderer Ansicht ist, man ihm aber diesbezüglich nicht glauben könne, weil es sich in der kalten Jahreszeit immer für einen bunten leuchtenden Weihnachts-Dekorations-Twingo hält, der mir die Weihnachtsstimmung mittels bunter Lampen gewaltsam einzutreiben versucht.
Wahrscheinlich sehe ich mein Auto aber auch einfach nie wieder, denn ich sehe momentan keinerlei Chancen, die Werkstatt lebend zu erreichen. Es schneit hier nämlich immer noch und die Flocken werden dicker und dicker und dicker…



