Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{Dezember 04, 2006}   Von der geistigen Verwirrung der Standardbriefmarke

oder: Warum der größte Feind der Deutschen Post ein kleine hässliche Maus ist

Das Drama mit der verkaufenden Zunft setzte sich fort. In einer kleinen Postfiliale. In einer kleinen Postfiliale, die in einen end-grausamen Diddl&Stuff-Laden eingebettet war, in dem bunte halluzinogene Plastiksterne an der Decke hängen, beängstigende Riesenstofftiere einen von den Regalen aus existenziell und finanziell bedrohen und in Pappe gepackte neurotische Einzelgummibärchen einem das unabwendbare Schicksal des eigenen Seins voraus sagen. Wenn ich da arbeiten würde, wäre mein Schicksal klar.
Was ich mit diesen deskriptiven Raffinessen zum Ausdruck bringen wollte, war die Tatsache, dass das nachfolgende Briefmarken-Fachverkäuferinnenfehlverhalten eventuell psychisch fremdbestimmt war. Aber nur eventuell.
Ihr Blick ging schon ins bodenlos Panische, als ich, endlich bei ihr angekommen, einen Zettel aus der Tasche zog und mit dem verheißungsvollen Wort also begann. Sie wich sogar einen Schritt zurück, aber leider bereitete die hintere Wand der Miniatur-Postfiliale nach weiteren rückschrittlichen 10 Zentimetern ihrer angestrebten Flucht ein jähes Ende. Augenkontakt vermied sie aber trotzdem. Mein Gott, bin ich so furchterregend oder hat sie im Geheimen eine nicht vollständig austherapierte Zettelphobie aus früheren Tagen als missverstandene Scannerkasse? Man weiß es nicht.
Ich begann mit einem Wunsch nach acht Briefmarken a 1,45 Euro. Sie schwitzte. Dann wollte ich zwei Euro in Briefmarken. Sie zitterte und musste sich meiner Absichten noch mal nachfragend vergewissern.
Dann wollte ich Versandtaschen. Da wollte sie aber schon vorher zur Abrechnung der Briefmarken schreiten, die nämlich getrennt bezahlt werden müssen (weiß der Einzelgummibär warum). Ich sagte ihr, das ginge aber nicht, denn ich bräuchte auch noch Briefmarken für die beiden Versandtaschen. Ich wüsste aber noch nicht genau welche, denn ich müsste mich erst für zwei Versandtaschen entscheiden, wobei die eine in die andere hineinpassen sollte und keine der beiden nach vollreifer Passionsfrucht duften dürfe. Bei der entsprechenden Frankierung würde ich da voll auf ihr kompetentes Beratungsurteil vertrauen und mich ihren kreativen Vorschlägen unterordnen. Sie war überfordert. Sie fing an, sich stotternd vor das Fach mit den Versandtaschen zu stellen. Ich habe sie dann wie einen dieser jahrmärktlichen Stofftier-Greifarm-Automaten zu meinen Wunschversandtaschen dirigiert und sie hat sie sogar gegriffen, ohne dass ich zehn Euro extra einschmeißen musste. Wie schön.
Dass sie daraufhin in post-interner Fachliteratur die korrekte Frankierung der Versandtaschen nachschlagen musste, erklärt sich natürlich nicht etwa durch ihre bodenlose Unwissenheit, sondern durch den enormen Stress- und Leidensdruck, dem sie soeben ausgesetzt war. Das arme, arme Ding…
Sie hat dann die Briefmarken und die Versandtaschen getrennt abgerechnet und zwar so wunderbar, dass ich die 15, irgendwas Euro in kleinsten Kleingeldeinheiten passend zurecht gesucht hatte, um dann die Versandtaschen im Wert von 40 Cent doch noch mit einem Zwanziger bezahlen zu müssen.
Oh mein Gott, ich glaube, ich schenke ihr zu Weihnachten eine schöne Diddl-Maus und eine Postfilial-Nachbildung aus umweltfreundlicher Pappe. Dann kann sie abends üben…




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