oder: Warum Salat auch im wachen Zustand nicht besser schmeckt
Also ich bin ja ein heimlicher Fan von Speisekarten. Vor allem, wenn sie grammatikalisch korrekt gestaltet sind. Aber man kann es auch übertreiben, man kann es einfach übertreiben.
Vor mir liegt der Ausdruck einer Speisekarte eines Hamburger Stadtcafes, dessen Speisekartentexter eine interessante Art der Wortzusammenfügung aufweist.
Beispiele gefällig? Sicherlich. Wir beginnen unseren kulinarisch ausformulierten Hirnschmaus natürlich mit einer blätternen Vorspeise:
Ruccolasalat-schlummert unter geriebenem Parmesan und gerösteten Sonnenblumenkernen.
Schlummert? Wie darf ich das verstehen?
Ein schnarchender, eventuell sogar leicht säbernder Trendsalat, zugedeckt von einer weichen Decke aus handgehobeltem Raspelkäse? Und das soll ich essen? Man mag ihn doch gar nicht wecken, den armen Kerl, wo er doch gerade so friedlich schläft. Wer weiß, wahrscheinlich ist es unendlich schwer, einen handelsüblichen Ruccola zum sanften Schlummern zu kriegen. Ich habe gehört, dass man mit Schlafliedorgien unter 3,76 Stunden da gar nichts erreichen kann. Ich hoffe, sein Schlafteller ist wenigstens mit kleinen Sternchen und Monden dekoriert, damit das richtige Ambiente aufkommt und der kleine schön von einem lüsternen Rotkohl träumen kann.
Cäsar-Salat nach Art des Hauses-Er zeigt sich mit krossen Speckstreifen und Knoblauchdressing
Er. ER. Der personifizierte Salat an sich. Klingt, als würde der Salat einem auf dem Tisch die neueste Wintermodenkollektion vorführen. Dieses Jahr trägt der Salat von Welt augenscheinlich gestromte Tier-Endprodukte und umhüllt seinen lieblichen Körper mit dem Szene-Duft der mayonnaisierten Knoblauchknolle.
Tres chic!
Wiener Schnitzel-Auch Mozart hätte dieser Komposition mit Kartoffel-Gurken-Salat nicht widerstehen können
Wer will das wissen? Hat ihn jemand danach gefragt? Irgendjemand??
Vielleicht hätte sich Mozart viel mehr für ein paar Schweinemedaillons erwärmen können, denn jene Medaillons thronen auf Kartoffelrösti, bewundert von einem Ragout aus Pilzen und Gemüsen der Saison.
Ja, ja, da ist er wieder, dieser niedere Gemüsepöbel. Die Unterschicht des vorgewärmten Porzellantellers, die es wahrscheinlich noch nicht mal zum mittelständischen Kartoffelrösti bringen wird, ist sie doch immer wieder von saisonaler Arbeitslosigkeit bedroht. Da bleibt ihr natürlich nur die aktive Bewunderung des Endproduktes eines toten Mastschweines. Seineszeichens Elite und Oberschicht der kulinarischen Schichtbewegung.
Von all den gesellschaftlichen Problemem kriegt das Norwegische Lachsfilet zum Glück nicht viel mit. Es träumt lieber auf seiner Spinatcreme vor sich hin…
Die bevorzugten Verben dieser Speisekarte sind also schlummern, bewundern, begleiten und thronen. Außerdem noch verwöhnen und kredenzen. Das ist toll, ist es doch endlich mal eine Speisekarte, die überhaupt Verben benutzt. Das würde ich jedem Pizza-Service zutiefst ans Herz legen. Zumal das bestimmt sehr amüsant wäre…
Ich nehme jetzt mein Frühstück ein.
Gut formuliertes Frühstück-Schlankes Mischbrot schlummert unter einem wärmenden Mantel aus Nordseekrabben, begleitet von feinster Mayonnaise, bewundert von einer kredenzten Kaffetasse, thronend auf einem Tisch
Mit Milch.



