oder: Warum jede Hüfthose ein unverwechselbares Einzelstück ist
Heute morgen hatte ich beim Autofahren das zweifelhafte Vergnügen, einer textilen Ausgeburt der modernen jugendlichen Bekleidungskultur direkt ins nicht passende Auge blicken zu können. Oder besser gesagt auf die Gesäßtasche. Diese definierte sich allerdings nicht, wie man aufgrund des Namens fälschlicher Weise vermuten könnte, über ihren tatsächlichen Aufenthaltsort, sondern allerhöchstens über einen antiquierten Namensgeber, der irgendwann allen Ernstes mal von der irrigen Annahme ausgegangen ist, dass man Dinge nach ihrem Wesentlichen benennen sollte. Idiot.
Jene Gesäßtasche nun lungerte irgendwo in der Gegend der mittleren Kniekehlenregion ihrer humanoiden Trägerin herum, weshalb man sie wohl besser in Kniekehlentasche oder Beutel am Bein umbenennen sollte. Zugegebenermaßen war es aber nicht diese Tatsache, die mich dabei am meisten faszinierte. An Hosen, die fern ab aller sinnvollen Körperregionen zu existieren beginnen, konnte man sich ja schon zu Genüge gewöhnen oder jedenfalls seinen Geist davon zu überzeugen versuchen, dass es noch eine andere Form der Schwerkraft außerhalb aller gängigen Schulphysik geben muss.
Wirklich faszinierend war die 1,5 Liter Mehrwegflasche, die sich aalend vor lauter Platz in jener Gesäßtasche tummelte. Interessanter Anblick. Aber irgendetwas scheint mir da wohl entgangen zu sein. Wann hat die heutige bloß Mode angefangen, sich möglichst sinnlos von aller textilen Sinnhaftigkeit weg zu entwickeln? Oder anders herum gefragt, wann hat jemand damit angefangen, jene Sinnlosigkeit als neuen Modesinn zu definieren? Und wer hat denn bloß um Himmels Willen gesagt, dass man riesengroße Cola-Flaschen am Arsch bzw. hinterm Knie mit sich rumtragen muss? Was ist denn das? Ein neue Laune der Evolution? Eine Inversion des Beuteltieres quasi? Wäre eine nette Vorstellung…
Aber ich verkenne das natürlich wieder komplett. Der modebewusste Trendmensch von heute geht halt mit der Zeit und tut dies zumeist in Nierenbeckenentzündungs-fördernden Hüfthosen (ich schließe mich da nicht aus
…), die ihren Namen blödsinniger Weise von den über ihnen sichtbar heraus stechenden Hüftknochen haben. Oder im quantitativen Gegenteil in Form einer Hosenart, die mit Sicherheit dazu fähig ist, eine ganze vorweihnachtliche Lebkuchen-Fabrik in ihrer Kleingeldtasche zu beherbergen. Wenigstens ist damit der Textilienverbrauch im Mittel gleichgeblieben.
Fraglich ist auch, wie in einer Zeit des allgegenwärtig anzustrebenden Selbstverwirklichungs-Individualismusses der Glaube existieren kann, dass man seine eigene Persönlichkeit durch ein Stück ent-individualisierte Trendmode zum Ausdruck bringen könnte. Jeder ist auf der Suche nach seinem eigenen modischen Stil, bloß leider tut das jeder mit den letztendlich gleichen Kleidungsstücken. Es ist wie der Versuch, eine möglichst individuelle Salatkreation herzustellen, bei der man aber immer nur dieselben fünf Zutaten verwenden darf und die zusätzlich nicht nach Banane schmecken sollte. Sicherlich unterscheiden sich die Ergebnisse letztendlich immer in kleinen Feinheiten, aber die übergeordnete Existenz bleibt immer dieselbe. Selbst den Individualisten unter den individualisierenden Modeträgern gelingt die Flucht aus der gemeinsamen Individualität nur scheinbar. Am Ende treffen sich alle Trendflüchtigen in der gemeinsamen Andersartigkeit wieder.
Der Mensch ist eben doch ein Herdentier.



