Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{Dezember 15, 2006}   Die Angepasstheit des Individualismus

oder: Warum jede Hüfthose ein unverwechselbares Einzelstück ist

Heute morgen hatte ich beim Autofahren das zweifelhafte Vergnügen, einer textilen Ausgeburt der modernen jugendlichen Bekleidungskultur direkt ins nicht passende Auge blicken zu können. Oder besser gesagt auf die Gesäßtasche. Diese definierte sich allerdings nicht, wie man aufgrund des Namens fälschlicher Weise vermuten könnte, über ihren tatsächlichen Aufenthaltsort, sondern allerhöchstens über einen antiquierten Namensgeber, der irgendwann allen Ernstes mal von der irrigen Annahme ausgegangen ist, dass man Dinge nach ihrem Wesentlichen benennen sollte. Idiot.
Jene Gesäßtasche nun lungerte irgendwo in der Gegend der mittleren Kniekehlenregion ihrer humanoiden Trägerin herum, weshalb man sie wohl besser in Kniekehlentasche oder Beutel am Bein umbenennen sollte. Zugegebenermaßen war es aber nicht diese Tatsache, die mich dabei am meisten faszinierte. An Hosen, die fern ab aller sinnvollen Körperregionen zu existieren beginnen, konnte man sich ja schon zu Genüge gewöhnen oder jedenfalls seinen Geist davon zu überzeugen versuchen, dass es noch eine andere Form der Schwerkraft außerhalb aller gängigen Schulphysik geben muss.
Wirklich faszinierend war die 1,5 Liter Mehrwegflasche, die sich aalend vor lauter Platz in jener Gesäßtasche tummelte. Interessanter Anblick. Aber irgendetwas scheint mir da wohl entgangen zu sein. Wann hat die heutige bloß Mode angefangen, sich möglichst sinnlos von aller textilen Sinnhaftigkeit weg zu entwickeln? Oder anders herum gefragt, wann hat jemand damit angefangen, jene Sinnlosigkeit als neuen Modesinn zu definieren? Und wer hat denn bloß um Himmels Willen gesagt, dass man riesengroße Cola-Flaschen am Arsch bzw. hinterm Knie mit sich rumtragen muss? Was ist denn das? Ein neue Laune der Evolution? Eine Inversion des Beuteltieres quasi? Wäre eine nette Vorstellung…
Aber ich verkenne das natürlich wieder komplett. Der modebewusste Trendmensch von heute geht halt mit der Zeit und tut dies zumeist in Nierenbeckenentzündungs-fördernden Hüfthosen (ich schließe mich da nicht aus ;-) …), die ihren Namen blödsinniger Weise von den über ihnen sichtbar heraus stechenden Hüftknochen haben. Oder im quantitativen Gegenteil in Form einer Hosenart, die mit Sicherheit dazu fähig ist, eine ganze vorweihnachtliche Lebkuchen-Fabrik in ihrer Kleingeldtasche zu beherbergen. Wenigstens ist damit der Textilienverbrauch im Mittel gleichgeblieben.
Fraglich ist auch, wie in einer Zeit des allgegenwärtig anzustrebenden Selbstverwirklichungs-Individualismusses der Glaube existieren kann, dass man seine eigene Persönlichkeit durch ein Stück ent-individualisierte Trendmode zum Ausdruck bringen könnte. Jeder ist auf der Suche nach seinem eigenen modischen Stil, bloß leider tut das jeder mit den letztendlich gleichen Kleidungsstücken. Es ist wie der Versuch, eine möglichst individuelle Salatkreation herzustellen, bei der man aber immer nur dieselben fünf Zutaten verwenden darf und die zusätzlich nicht nach Banane schmecken sollte. Sicherlich unterscheiden sich die Ergebnisse letztendlich immer in kleinen Feinheiten, aber die übergeordnete Existenz bleibt immer dieselbe. Selbst den Individualisten unter den individualisierenden Modeträgern gelingt die Flucht aus der gemeinsamen Individualität nur scheinbar. Am Ende treffen sich alle Trendflüchtigen in der gemeinsamen Andersartigkeit wieder.
Der Mensch ist eben doch ein Herdentier.



Kristof says:

Wir werfen die selben Fragen auf. Interessant. Ist das etwa schon ein Zeichen für den nächsten Schritt, die globale Gleichschaltung, der Weg zum Kollektiv?



Die Existenz says:

Ja, ich denke, das sind diese kleinen feinen Details, die uns eigentlich gar nicht auffallen dürften. Der metaphorische Fehler in der geheimen Gedanken-Matrix.
Stellt sich nun die Frage, ob diese scheinbar individuellen Texte schon in dem Moment ihre Individualität eingebüßt haben, in dem sie dem selben Grundgedanken entsprangen und somit quasi in ihrer Individualität niemals wirklich existiert haben oder ob es einfach zwei Gehirne auf dieser Welt gibt, die zuviel Sonnenblumenöl vom Aldi konsumiert haben…?



Kristof says:

Der Verschwörungstheoretiker würde vermutlich die erste Variante bevorzugen; allerdings ist auch die Sonnenblumenölvariante nicht 100%ig gegen Verschwörungstheorien gefeit… vielleicht befinden sich eben in jenem Öl sogenannte Zwillingsnanosonden, die, einmal in zwei unterschiedlichen Gehirnen angekommen, eine Gedankengleichschaltung und damit eine Einbüßung der Individualität erwirken. Gruselig. Real?



Die Existenz says:

Eindeutig real, weil gruselig.
Nach erfolgter Gleichschaltung zweier Gerhirne gelten diese für die handelsübliche Sonnenblumenölnanosonde als eins. Weitere Nanosonden schalten nun weitere Gehirne gleich, um danach die bereits Gleichgeschalteten mit anderen bereits Gleichgeschalten widerum gleichzuschalten. Am Ende steht ein gleichgeschaltetes Massengehirn, das in seiner Grundeigenschaft dann zwar ziemlich einzigartig, aber kaum individuell ist.



Wiesel says:

Selbst wenn die Hose gut geschnitten und sinnvoll gestaltet ist, schaffen es geistig minderbemittelte Menschen die dem amerikanischen $$$ HipHop lauschen (ja ich vertrete dieses Vorurteil voll und ganz), die Hose in Übergröße zu kaufen um sie dann zurückzubringen, weil sie noch nicht groß genug ist.

Nicht mal zu Fasching würde ich mir Hosen anziehen, wo ich in einem einzelnen Bein übernachten könnte und ich würde auch nicht, wie die meisten es dann machen, mir diese Hose bis in die Kniekehlen ziehen. Nur wenn ich aufs Klo muss - und nicht in der Öffentlichkeit.

Ach ja, und die schicken Kappen nicht zu vergessen .. aber das ist ne andere Geschichte.



Die Existenz says:

Ja, die Kappen sind auch ein echter Traum. Vor allem, wenn männliche Rap-Kulturvertreter zur Trendfarbe rosa greifen und sich dazu noch mit dem ein oder anderen Gramm Edelmetall verzieren…



Kristof says:

We are Borg sun flower oil nano probes. Resistance is futile! Und vorbei war’s mit der Individualität, ich beuge mich der Macht des Kollektivs der Sonnenblumenölnanosonden. Mögen unsere Gehirne auf immer Eins sein. Alles besser, als Kartoffelsackhosen, rosa Kopfbedeckungen und Edelmetalschmuck als Kiloware.



Legatus says:

Ich bin dafür das zumindest alle Fahrradfahrerinnen gesetzlich zum Tragen von Hüfthosen animiert werden. Bei nichtbefolgen selbiger Regel erfolgt eine Bestrafung mit Eisessen nicht unter 1 kg pro Tag ein Jahr lang. Nur so kann garantiert werden das Männern dieser wunderbare Anblick auch noch länger erhalten bleibt, und der Berufsstand der für Nierenentzündung zuständigen Ärzteschaft weiterhin ein Einkommen hat.



Die Existenz says:

Och, auf den Eiskonsum könnte ich auch so kommen, ganz ohne Androhungen… ;-)



Legatus says:

Dann sind wir ja schon zwei ^^



barbara says:

Hüftslips, Hüftstrings, Hüftgold: alles was hüftig ist, hasse ich. Ebenso Pullover für Frauen ohne Brüste und Organe.
um das mal auf den Punkt zu bringen:-)



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