oder: Warum der freie Wille wieder abgeschafft werden sollte
Der CD-Player meines Autoradios hat seinen Dienst quittiert. Einfach so. Und dabei ist das dumme Ding eigentlich noch jung und frisch und sollte vor unbändiger Lesefreude und gierigem Abspielwahn nur so strotzen. Aber nein.
Ich wollte es eigentlich nicht als persönlichen Angriff auf meine eigene Person werten, aber ich komme einfach nicht drum herum.
Ach, wie schön waren die Zeiten, als er gierig jedes silbrig glänzende Futter geschluckt hat, das ich ihm angereicht habe. Er war ein kleiner Hektiker, mein CD-Player. Nahm man die gerade ausgespuckte CD nicht innerhalb dreier Nanosekunden aus seinem geöffneten Mäulchen, hat er sie sofort wieder eingezogen, um weiter genüsslich auf ihr rumzulutschen.
Bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Eigentlich war es ein Tag, der nichts Böses im Schilde zu führen schien. Die Vöglein zwitscherten, der Sturm hatte sich auf eine erträgliche Windstärke 8 eingependelt und die Omas beim Bäcker hatten endlich aufgehört sich ein frohes neues Jahr entgegen zu flöten. Aber dann geschah es. Ganz plötzlich und aus partiell bewölktem Himmel. Ich steckte eine CD in das hungrige Schlitzmäulchen, aber anstatt sie dankbar zu verspeisen, spuckte das blöde Ding jene CD meiner akustischen Träume einfach wieder aus. Und wollte sie danach auch nicht mehr nehmen. Er hat einfach seinen Mund zusammengepresst und jegliche weitere Kooperation verweigert. Wie ein handelsübliches Kleinkind, das den Druck seiner Lippen zueinander exponentiell erhöht, je näher das Flugzeug mit dem Birnen-Kokos-Breichen heran fliegt, um in seinem sabbernden Schlund zu landen.
Es war nichts mehr zu machen, er hatte sich verschlossen. Das einzig Positive daran war, dass er die CD vor seiner Verweigerung ausgespuckt hatte. Ich kannte mal einen DVD-Player, der es für unglaublich komisch hielt, geliehene DVDs einfach in seinen Gedärmen zu behalten, egal mit wie viel Stromentzug man ihm auch drohte.
Nunja, die Vermutung liegt nahe, dass mein CD-Player einfach aus geschmacklichen Gründen stumm bleibt. Ich gebe zu, dass ich ihm in letzter Zeit das ein oder andere Mal zu oft die Muse-CD zugemutet habe, aber muss man darum nun gleich in den Total-Streik treten? Und ich kann nichts tun. Ich hab alles versucht. Auch unter Anwendung roher Gewalt ließ er sich keinen musikalischen Datenträger mehr einführen. Wahrscheinlich hat er eine schwere Form der digitalen Bulimie. Nachbarn sagen, sie hätten ihn abends heimlich dabei beobachtet, wie er sich alle verfügbaren CDs nacheinander in höchster Lautstärke reinzieht, um sie danach allesamt wieder auszukotzen. Würde auch irgendwie das morgendliche Kondenswasser an den Scheiben erklären.
Das arme Ding. Langsam weicht mein Hass doch einer Art wehmütigem Mitleid. Momentan wird versucht, einen Therapieplatz für die arme gebeutelte Kreatur zu ergattern. Ob Heilung eintritt, ist allerdings recht fraglich. Die Rückfallquote ist hoch.
Was bleibt, ist nur die Erinnerung und ein tolerabler Radiosender…



