oder: Warum der Apfel bald ein antikes Lebensmittel sein wird
Als ich letztens bei Plus qualitativ und ernährungsphysiologisch hochwertige Lebensmittel ergattert hatte und gerade den Laden mittels des extra dafür vorgesehenen Ausgangs verlassen wollte, hörte ich, wie eine Oma quer über die sauber gestapelte H-Milch und die niederen Eistee-Imitate der Kassiererin eine Frage entgegen quakte.
Wo denn hier der normale Apfelsaft stünde? Den naturtrüben hätte sie schon gesehen, aber sie könne den normalen nicht finden. Bedauerlich.
Interessant daran ist, wie sich in unserem Leben mit der Zeit die Definition von normal verändert, bzw. wie sie sich überhaupt definiert. Ich hatte bisher immer gedacht, der naturtrübe Apfelsaft würde eher das Adjektiv normal sein Eigen nennen dürfen, als sein gefilterter, verwässerter und gezuckerter Kollege in der 1,5 Liter-Packung.
Aber da kann man mal sehen, wohin der Trend geht. Normal ist das, was die Mehrheit bevorzugt. Denn normal ist gleichzusetzen mit gut und wer will den schon nicht gut sein?
Das Schlimme dabei ist vor allen Dingen, dass der Omi bestimmt gar nicht bewusst war, in welchem produktionstechnischen Zusammenhang die beiden Säfte stehen. Ich meine, was würde denn wohl passieren, wenn man in eine beliebige Fußgängerzone stapft und die dortige Bevölkerung nach dem Unterschied zwischen naturtrübem und „normalem“ Apfelsaft fragen würde?
Wäre sicherlich belustigend aber auch verdammt erschreckend.
Letztens habe ich im Fernsehen ein paar Grundschulkinder gesehen, denen verschiedene Obst- und Gemüsesorten zwecks Identifikation vorgelegt wurden. Wenn ein 7-jähriger dann eine Zucchini für eine Möhre hält und der ganze Klassenraum beim Anblick einer Aubergine höchstens an den cellulitären linken Oberschenkel des lilanen Tele-Tubbies denkt, dann bedarf das wohl keines weiteren Kommentars. Dass die Milch nicht von der Kuh kommt, sondern aus dem Supermarkt dürfte wohl klar sein. Normal eben. Das kleine Mädchen, dem seine bisherige Normalität geraubt wurde, als man ihr die Sache mit der Kuh erklärte, zeigte ein doch recht angeekeltes Gesicht bei dem Gedanken daran, was sie denn da bloß trinke. Da bleibt sie dann doch lieber bei der guten McDonalds-Milch aus dem bunten Pappkarton mit dem schönen Strohhalm, der beim Trinken nach Erdbeere schmeckt. Warum eine echte Erdbeere in die Milch tun, wenn man doch ein chemisch einwandfreies Imitat haben kann? Ich weiß gar nicht, warum bisweilen immer noch nur Astronauten in den Genuss herrlich komprimierter Trockennahrung zu kommen und der normale Mensch sich derweil mit frischem Obst rumschlagen muss. Und bei aller Liebe, so ein Astronaut ist aber auch einfach ein schlechtes Vorbild. Was soll denn der neugierige Außerirdische von uns denken, wenn ihm beim ersten Kaffeekränzchen im erdnahen Orbit eine Portion Trockenkekse und zwei Stückchen Schokoladen-Imitat mit der Aufschrift „Frei von Milch und anderen unbekannten Naturstoffen“ serviert werden? Der hält dann jeden von uns für einen ignoranten Lügner, der ihm erzählen will, dass Kekse nicht zwingend staubgrau sind und nach Aftershave schmecken.
Ach je, Kinder, Kinder… kocht doch alle mal einen normalen(!) Pudding. Mit Schokolade.




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