oder: Warum die Mutter der beste Spiegel ist
Hmmm, mal überlegen. Wem würde ich raten, mit meiner Mutter einkaufen zu gehen? Klamotten, meine ich natürlich.
Hmmm, ich denke, auf jeden Fall niemandem, der nicht vor hat, die nächsten Wochen an schlimmen Akut-Depressionen zu leiden.
Da stehen wir mitten im Geschäft und anstatt sich mit mir noch fünf weitere Stunden über diese traumhafte Schnäppchen-Hose zu freuen, starrt sie mich einfach an. Mit so einem mütterlichen Blick. Dieser Blick, der im Kleinkindalter immer der örtlichen Fixierung von Schmutzflecken dient, um sie unmittelbar danach mit mütterlichem Speichel zu entfernen. Das hat sie mir erspart. Aber sie war schlimmer. Viel schlimmer.
Sie betrachtet also recht kritisch den Bereich meiner Augen und anstatt irgendetwas Nettes über meine Augenfarbe und den dazu traumhaft korrespondierenden Lidschatten zu sagen, sagt sie:
„Ich glaube, Du kriegst später mal Tränensäcke.“
?!?!?!
„Ich hab’ keine, aber du kriegst vielleicht mal welche.“
Wie lieblich kann man sein zu seiner einzigen Tochter? Danke, Mutter. Das hat mir sofort jegliche Heiterkeit aus dem Gesicht gezogen. Welten brachen zusammen. Kosmetische Hochrechnungen über die Elastizität der eigenen Haut im Verhältnis zur verstreichenden Zeit und dem momentanen Kontostand wurden unmittelbar in meinem Gehirn in Gang gesetzt. Der Zahn der Zeit knabberte auf einmal lieblich an meinem linken Ohrläppchen, während das Rad der Zeit einen spontanen Achsbruch erlitt . Aber dem nicht genug, sie machte ja noch weiter:
„Naja, Du wirst ja auch bald 30, da muss man ja auch sehen, wo man bleibt.“
Ach je, mir schmerzt jetzt noch der Kiefer von dem Moment als er einfach kommentarlos durch den Betonboden des Klamottenladens schlug. Die Tränensäcke gleich hinterher.
Ich habe keine Tränensäcke. Das möchte ich hier nur ausdrücklich mal klarstellen. Und ich werde auch nur sehr bald 30. Und ich wäre auch durchaus zufrieden gewesen, wenn sie mir einfach nur gesagt hätte, dass ich zu fett für Größe 32 bin. Damit hätte ich leben können. Aber nein.
Dass mir meine Mutter andauernd in den Mund starrt, um den Momentanzustand meiner Zähne zu begutachten, daran habe ich mich ja schon demütig gewöhnt. Und in puncto altersbedingte Zahngesundheit bin ich dann doch (wenn überhaupt!) erst(!) bald 30. Nicht 60.
Ja, so ist meine Mutter. Aber ich rede mir mit meinem altersschwachen Kleinhirn ein, dass das auch eine Form der mütterlichen Fürsorge ist. Fürsorge in Form von Sahnetorten und milliardenschweren Blanko-Schecks wäre mir zwar manchmal lieber, aber so ist es wohl auch ok.
Es lebe die Familie und der Abdeckstift.



