oder: Warum nichts ist, was es isst
Herrlich. Da saßen sie wieder alle zusammen beim Perfekten Dinner auf Vox und gaben sich zarten Gaumenschmäusen hin, während ich und eine 300g-Schokoladentafel in tendenziell lilaner Verpackung sich nutzlos auf dem Sofa aalten. Fünf Kölner Geschmackshelden hatten diese Woche die Ehre, am kulinarischen Kochlöffelabtausch teil zu nehmen. Nicht, dass ich mir diesen köstlichen Quotenknaller wegen der unglaublichen kulinarischen Fähigkeiten der Protagonisten ansehe, nein. Völlig falsch. Ich sehe das aus dem einzigen Grund, den Frauen außer halbnackten, mit Bratfett verschmierten und bayerisch sprechenden Chefköchen sonst noch haben können: soziales Spannern. Eine wunderbare neue Wortkreation (es kläre mich bitte jemand auf, wenn es diesen Sachverhalt schon in irgendeiner anderen verbalisierten Form seit 300 Jahren im Duden unter F-M oder Q zu finden gibt), mit der ich mich im Namen aller sozial spannernden Frauen dieses Erdballs für mein telephiles Verhalten entschuldigen möchte. Wir können nichts dafür. Ein bisher unentdecktes Gen gleich neben dem für österlichen Dekorationszwang zwingt uns zum absoluten Abscannen fremder Verhaltensweisen und Lebensräume, um unseren eigenen evolutionär gesehen optimal anzupassen. Zwar nur eine Theorie, aber sicherlich eine gute. Vor allen Dingen aber nicht das, was ich sagen wollte.
Man speiste nämlich Lamm beim letzten Abend jenes perfekten Dinners. Norddeutsches Salzwiesenlamm um es mal genau zu nehmen. Das kleine fluffige Blök-Knäuel durfte sich bis zum Zeitpunkt seiner unverhältnismäßig miesen Abschlachtung auf salzigen Sylter Deichwiesen selber pökeln. Daher der Name Bratwurst. Das Schöne daran ist aber nun, wie ich lernen durfte, die Tatsache, dass jenes norddeutsche Salzlamm nicht nach Lamm schmeckt. Auch nicht nach Salz, aber das hat sicherlich sowieso niemand erwartet. Nein, das köstlichst zubereitete Lamm schmeckte nicht nach Lamm. Und man freute sich am Tisch sehr darüber. Sogar die Köchin war höchst entzückt, obwohl man zumindest bei ihr hätte meinen können, dass sie den Geschmack ihres Essens zu schätzen weiß.
Aber ich meine: Hallo?! Was soll denn das schon wieder? Warum kauft man teures Fleisch, bereitet es mit einem nervenden Kamerateam in Nacken und einer zynischen Synchronsprecherstimme im Ohr liebevoll zu, drappiert es noch liebevoller mit drei gedünsteten Zuckerschoten und einer einsamen Kartoffel auf einem farblich passenden Teller, nur um sich am Ende darüber zu freuen, dass jenes Essen nicht nach dem schmeckt, was es ist? Ein mir unbegreifliches Verhalten. Gut, im Falle eines vergorenen Hai-Phallusses in einer isländischen Folterkammer noch partiell verständlich. Da ist man froh, wenn man froh ist, nicht das zu schmecken, was man erwartete. Aber bei Lamm?! Das ist genau so dämlich wie die Leute, die jede fremde Fleischsorte kategorisch mit Hühnchen vergleichen.
„Hast du schon mal Alligatorenfleisch gegessen?“
„Ja, schmeckt eigentlich wie Hühnchen.“
„Und Strauß?“
„Auch wie Hühnchen.“
„Hund, Katze, chilenischer Nacktmull?“
„Hühnchen.“
Die ganze Welt ist also ein riesiger Klumpen Hühnerfleisch. In diesem Sinne war es nicht nur völlig deplatziert, sich über den nicht vorhandenen Lammgeschmack zu positiv zu äußern, sondern auch noch total dämlich. Die ganze Welt schmeckt nach Huhn. In irgendeiner Form beruhigt mich das sogar.
Mein Vorschlag für das nächste perfekte carnivore Dinner wäre also, ein künstlerisch anspruchsvoll hergestelltes Stück Hühnerbrust als echtes peruanisches Schlachtmeerschwein zu tarnen und somit Lob, erfreute Gaumen und die volle Punktzahl an sich zu reißen.
Die Welt ist halt ein Huhn, was nun?



