oder: Warum Else Kling ewig weiter leben wird
Ach, …neue Nachbarn sind doch was Schönes. Wenn nicht sogar das Allerschönste an einem Umzug überhaupt. Da vergisst man sofort alle vorangegangenen Qualen sperriger Möbel, knackender überladener Klappkisten und mit Farbe versauten Lieblingsjacken. Alles Leid ist plötzlich vergessen, wenn man in die Wärme und Behaglichkeit verströmenden Augen eines Fubu-Shirt-Trägers schaut, der einem irgendwo versteckt in einer Marlboro light-Wolke einen Urlaut der Begrüßung zu raunt. Jedenfalls sagt mir meine hoffende Menschenkenntnis, dass es sich bei diesem basslastigen Grummeln gepaart mit so etwas wie einem Kopfnicken um eine Begrüßung der begrüßenden Art handelte. Worte waren natürlich nicht zu erkennen. Ich will das jetzt nicht unbedingt der Macht des Fubu-Shirts zusprechen, aber gewisse Zusammenhänge zwischen menschlicher Artikulationsfähigkeit und den persönlichen Kleidungsgewohnheiten sind eventuell nicht auszuschließen. Jedenfalls ist er Raucher. Mir soll’s recht sein, er wohnt irgendwo über mir, also habe ich bei einem Wohnungsbrand noch reelle Fluchtchancen.
Schlimmer dürfte es dabei um meine Nachbarin zur Linken stehen. Wenn das gesamte Haus wirklich mal einem Fubu-initiierten Komplettbrand zum Opfer fallen sollte, muss man ihre geröstete Leiche wohl irgendwie mit Gewalt von Fensterbank und Vorhang trennen. Dort pflegt sie sich nämlich mindestens 27 Stunden am Tag aufzuhalten. Zähne und Hände verkanten sich dabei regelrecht im Vorhangstoff. Mich würde aus rein handwerklichen Interesse mal die Vorhangstange interessieren, die so brillant konstruiert sein muss, dass sie der Dauerbelastung eines spannernden, klammernden Gichtrentners stand hält. Immerhin treten dabei enorme Zugbelastungen auf. Welch taktisches Glück aber, dass Omis Fenster der observatorischen Wahl genau neben der allgemeinen Eingangstür liegt. So kann sie genau beobachten, wie lange Fubu für seine Zigarette des baldigen Hirntodes braucht. Und wenn er erstmal aufgeraucht hat, kann sie sich an einer wohnungsinternen Liane gleich weiter ins Nebenzimmer schwingen. Mit Blick auf die Mülltonnen. Welch Paradies für einen unterbeschäftigten Rentner! Ich habe mich auch gleich extrem schuldig gefühlt, als ich ein Stück Pappe versehentlich in die normale Mülltonne geschmissen habe. Ich habe es allen Ernstes sogar wieder rausgeholt und seinem eigentlichem Bestimmungsort in der Papiertonne gegenüber zugeführt. Man weiß ja nie. Gegenüber befindet sich schließlich die viel beschäftigte Stadtteilpolizei. Bestimmt hat die Klammeroma einen heißen Draht direkt ins Hauptbüro, um Verstöße sämtlicher Art unverzüglich melden zu können. Wegen solcher Omis ist der gemeine Verfolgungswahn an sich erst entstanden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kriegt sie eine fette Provision auf ihre Rente, wenn sie dem örtlichen Psychiater Kunden beschert…
Es gibt aber auch noch Hoffnung im Haus. Eine Gitarre. Eine spielende Gitarre. Keine sonderlich schön spielende Gitarre, aber immerhin eine Gitarre. Leider konnte ich jene Gitarre noch keiner sie zupfenden Hand zuweisen, aber ich nehme mal ganz stark an, dass sie nicht von Fubu gespielt wird. Das würde ein ganzes Weltbild zerstören. Wenn Fubu Gitarre spielt, dann hat die Fensteroma sicherlich eine 120 Hektar große Hanfplantage im Keller, auf der sie 52 altersschwache peruanische Bergkinder Vollzeit bei Wasser und Haferkeksen beschäftigt. Das würde allerdings ihre extreme Observationsneigung erklären. Ich denke, sie war es auch, die mir kürzlich abends mit Klopfzeichen antwortete, als ich es doch wagen wollte, am Sonntagabend um 22.17h mehrere Nägel in die nachbarliche Wand zu schlagen. Jeder Hammerschlag meinerseits wurde mit exakt der selben Schlagzahl von nebenan beantwortet. Das ist ja fast schon beängstigend. Ein Glück nur, dass ich nicht direkt über ihr wohne. Dann würde bestimmt das gute alte Besen-gegen-die-Decke-Szenario ungetrübt zum Einsatz kommen.
Ein zartes, weil etwas gehemmtes, Hämmern am Montagvormittag stand mir aber anscheinend zu, jedenfalls konnte ich keinerlei antwortende Klopfzeichen mehr vernehmen. Wahrscheinlich hatte sie gerade eine spannende Fubu-Observation am Laufen. Und bis sich die Gicht geplagte Hand von der Gardine löst, kann es ja auch so seine Zeit dauern…
In diesem Sinne und in der großen Hoffnung, dass Fubu nicht lesen kann: Auf gute Nachbarschaft!



