Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{April 11, 2007}   Von der Modernität der zwischenmenschlichen Beziehungslosigkeit

oder: Warum die Postkarte bedrohter als der gemeine Eisbär ist

Ich bin ein abtrünniges Wesen der modernen Internet-Cyber-Welt. Ein Ignorant der sozialen Einsen und Nullen, ein Kaffeetrinker im Teehaus, die ekelhafte Pocke am Artischockenboden, ein absoluter Antimensch.
Ich habe nämlich keine persönliche, sozial-pornografische myspace-Seite. Ich bin auch nicht im Studi-Verzeichnis zu finden. Ich bin zwar bei Leibe kein Student, aber das interessiert da ja eh niemanden. Hauptsache dabei. Das ist wie eine Seuche. Eine ekelhafte klebrige todbringende Seuche. Die myspace-Seuche quasi. Schlimmer als Beulenpest, Ebola und limettenfarbene Deko-Vorhänge zusammen, wobei letztere die Existenz der ersten beiden noch exponetiell verschlimmern und sicherlich dafür sorgen, das Yvonne Catterfeld keine schwarzen Lackschuhe trägt. Ein guter Grund übrigens, warum Afrika niemals in den Genuss von Ikea-Filialen kommen sollte.
Aber egal. Ist dieses ganze myspace-Gemache etwa so etwas wie das gute alte Poesiealbum? Nur scheinbar zeitgemäßer? Ein virtueller Ort, um all seinen (sogenannten) Freunden ein kleines Stückchen momentane Unauslöschbarkeit und persönliche Selbstentfaltung geben zu können? Also da fand ich persönlich die selbst bekritzelten Papierbüchlein mit tiefsinnigem Vierzeiler und eingeklebter Glanzpapierrose aber deutlich besser. Vor allem hatten die den Vorteil, dass meistens keine 34738 Freunde rein passten.
Ehrlich, das ist die Sache, die mir bei dem ganzen Quatsch am meisten zuwider ist. Warum muss man dafür denn unbedingt den Begriff des Freundes opfern? Bei flickr nennt sich das zumindest contacts. Das ist in Ordnung, mit dem Wort Kontakte für irgendwelche Leute, die mich eh nur auf ihre contact-Liste setzen, um im Gegenzug selber ein Stück weit vernetzter und somit pseudo-prominenter zu sein, kann ich leben. Aber Freunde? Ich finde es ja fast schon pervers, jenes Wort derart inflationär zu gebrauchen. Ich meine, kann ich Lollifee73, Bootyshaker95,3 oder BlondiSusigratisFick nachts um vier anrufen, weil ich verdammt schlecht geträumt habe? Hilft mir Cockswinger30+ beim Renovieren oder kommt PinkKitty einfach mal zum sinnlosen Spontanfrühstück rein um seiner selbst Willen vorbei? Wohl eher nicht.
Hat denn heute niemand mehr wirkliche Freunde oder ist es einfach der verwirrte Geist der Zeit, der die kranken Menschenhirne auch in diesem Punkt nach höher, schneller, weiter streben lässt?
Ich will ja durchaus nicht abstreiten, dass sich durch derartig vernetzte Kommunikation auch wirkliche Freundschaften entwickeln können. Schließlich hat man ja derart multimedial ausgerüstet einen viel größeren Aktionsradius und auch der viel diskutierte erste Eindruck fällt, was das optische Erscheinungsbild anbelangt, weg, aber das dürfte doch eher die Ausnahme sein.
Echte Freunde, die einen im Leben ein Stück weit begleiten sollen, laufen einem früher oder später eh über den Weg. Ich gebe zu, dass sie heutzutage dafür sicherlich auch das Internet als Weg wählen können, aber wenn man dann schon mal eine solche Person trifft, dann sollte sie sich den Begriff Freund nicht mit 56732 anderen teilen müssen.
In diesem Sinne wie Otto von Bismarck sprach: „Ein bisschen Freundschaft ist mir mehr wert als die Bewunderung der ganzen Welt.“



Logorrhoe says:

Erschreckenderweise kenne ich auch ein paar wenige Leute, die ihre ganze Freizeit damit verplempern, ständig zu “chatten” oder mit dem spielen von “Ego-Shootern”.Sicherlich kann das auch mal Spass machen, ich bin ja auch gerne mal im “Zwischennetz” und könnte meine Zeit sicherlich sinnvoller nutzen, gehöre aber wenigstens nicht zu denen,die in ihrem bisherigen Leben nicht ein Buch (!) gelesen haben und dank ihres Rechners mittlerweile sozial total vereinsamt und das noch nicht einmal merken, weil diese tatsächlich der Meinung sind, viele Freunde bzw. Bekannte zu haben, weil ihre “Buddylist” (tolles Wort!) Zwölfundfünfzigvierhundert Einträge hat.Wenn man mal genau aufpasst,dann kann man feststellen, dass sich bei diesen Freaks die geistigen(und sprachlichen) Fähigkeiten indirekt proportional zur verbrachten Zeit am Computer verhalten.Wenn dieses seltsame Chatverhalten dann so sehr verankert ist, dass man im Sommer nicht einmal das Haus verlässt um sich zum Beispiel unglaubliche Mengen an Hefeweizen in den Kopf zu stellen oder um Fussball zu spielen oder was auch immer,sondern Tag für Tag total ferngesteuert und unterbewusst im Chatraum verbringt und dabei das geistige Niveau von mittelscharfem Senf entwickelt, dann wäre es an der Zeit, sich mal Gedanken zu machen.Viele wissen gar nicht, dass sie eigentlich gar keine richtigen Freunde haben oder verdrängen das…traurig…traurig.



Die Existenz says:

Ich möchte ehrlich gesagt gar nicht drüber nachdenken, ob ich jemanden kenne, der in seinem bisherigen Leben noch nicht ein einziges Buch gelesen hat. Wenn ich hier einmal auf die Straße gehen würde, müsste ich wohl nicht allzu lange suchen…
Das schöne Wort Buddy List ist im Übrigen sogar bei wikipedia.org zu finden. Dort tummelt es sich mit einem anderen netten Wort namens social network. Mir persönlich sträuben sich bei dem Wort ’sozial’ in diesem Zusammenhang schon wieder die frisch colorierten Häarchen, aber wie ich soeben gelernt habe, sind soziale Netzwerke lediglich Interaktionsgeflechte. Wer da mit wem zwischen-agiert, ob nun nudist88 mit Nr. 67356,99 oder meine Salamipizza mit dem externen Zweitmagen meines Hundes, ist der Definition ziemlich egal.Körperliche Anwesenheit im Plural zur selben Zeit am selben Ort scheint nicht erforderlich. Wozu auch.
Vielleicht wird die ganze Lage aber auch nur total verkannt und es handelt sich bei dieser interaktiven Art der Massenfreundbeschaffung nur um den ersten Schritt zur Loslösung der Menschheit von ihrer körperlichen Erscheinung. Die körperlose Kommunikation als Weg zur großen erlösenden allumfassenden Gruppenseele. Sponsored by AOL natürlich.
Man weiß es nicht…



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