Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{April 23, 2007}   Von der Physiologie der Kaffee-Keramik

oder: Warum man immer Dosenmilch im Haus haben sollte

Was wohl die armen Kaffeetassen in meiner Spüle so denken? Ob es sie stört, dass sie da seit nunmehr drei Tagen gänzlich ungewaschen vor sich hin lungern? Und ob es sie stört, dass ich eine von ihnen jeden Tag völlig ungerechtfertigt bevorzuge und kurz ausspüle, nur um meinem leiblichen Kaffeegenuss zu frönen?
Ich meine, was macht so eine Tasse eigentlich den ganzen Tag? Ob die gemeine Kaffeetasse an sich ein erfülltes Leben hat? Immerhin tritt sie ja zum Glück meistens in kleinen Horden oder wilden Rudeln auf, so dass für ausreichend innerartliche Kommunikation gesorgt ist. Es muss für so eine Kaffeetasse wohl wirklich eine Qual sein, wenn sie alleine gehalten wird. In einem dunklen Schrank. Ohne Frischluft, ohne Aufgabe und in der ständigen Gesellschaft eines depressiven Pärchens zweier arbeitsloser Pasta-Teller asiatischer Herkunft. Was hat man sich da schon so zu erzählen? Da wäre die arme Tasse ja schließlich auch immer außen vor, wenn das Asiatenpärchen in den guten alten Carbonara-Zeiten schwelgt.
Aber seit dem Einzug der vollbeschichteten Anti-Fett-Pfanne sind diese Zeiten lange vorbei. Stille macht sich breit im Küchenschrank. Trauernde Stille. Da kann so eine einsame Kaffeetasse dann schon mal den Henkel hängen lassen. Bei ganz schweren Fällen kann es sogar zu spontanem Henkelverlust kommen und die Tasse wird eventuell auf Lebzeit unbrauchbar oder läuft zumindest ein erhöhtes Risiko, auf lauernden kalten Küchenfliesen elendig und allein zu zerschellen.
Das sollte man keiner Kaffeetasse zumuten. Wir sollten uns mehr um sie kümmern. Diese kleinen süßen Geschöpfe aus billiger Keramikmasse. Wir sollten sie mehr lieb haben, mit ihnen reden und ihnen ab und an mal ihr Henkelchen kraulen. Dann sind sie im Falle der eventuellen Fremdbenutzung durch Tee auch nicht so nachtragend. Nicht artgerecht gehaltene Kaffeetassen neigen nämlich viel schneller zum sogenannten braunen Depressionsring. Einer kreisrunden Verfärbung im oberen Drittel ihres Innenbereiches, die in extremen Fällen sogar irreparabel sein kann und die Tasse optisch gesehen auf ewig entstellt. Mobbing und anderer psychischer Zwang ist dann in Tassengruppen ein viel zu beobachtendes Mittel zur Aussonderung des Kranken. Wenn einem bei der Öffnung des Küchenschrankes eine Tasse entgegen stürzt, handelt es sich leider nicht allzu selten um gruppeninduzierten Tassen-Suizid. Die verbündeten Tassen machen solange gemeinsam Front gegen den Sonderling, bis dieser sich an der Innenseite der Schranktür befindet und dem finalen Todessturz nichts mehr entgegen zu setzen weiß. Einige Tassen, die derlei Attentate überlebten, konnten mit einer Psychotherapie und einer Teilprothese von ihrem größten Schmerz befreit werden. In Einzelfällen gelang sogar die Wiedereingliederung in eine gemischt-henklige Frischluftgruppe älterer Tassen. Aber das ist leider nicht die Regel.
Darum: Mehr Achtung den Kaffeetassen! Damit wir auch morgen noch einem freudigen Henkel entgegen blicken können.



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