Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{Oktober 30, 2007}   Von der Halbwertszeit der Wohnlichkeit

oder: Warum wirklich mal jemand den Halbsitzer erfinden sollte

2,5 Zimmer. Zweieinhalb Zimmer. Und noch einmal zum Verinnerlichen und zum Genießen. Zwei Zimmer und ein halbes.
???
Was soll das eigentlich um Himmels Willen schon wieder? Was ums verdammte Verrecken ist denn ein halbes Zimmer? Ja, ich weiß, die Antwort ist: ein halbes Zimmer. Das weiß ich auch. Ich habe ja sogar schon mal eins gesehen. Ganz live und in Farbe. Und vor allen Dingen werde ich bald eins davon bewohnen. Dazu allerdings noch zwei ganze Zimmer. Aber das wird mich vor ungeahnte mentale Probleme stellen. Wie teilt sich denn rein philosophisch betrachtet so ein Zimmer? Ich meine, wie sieht so ein halbes Zimmer aus? Rein definitorisch. Wenn ich ein Zimmer in der Mitte durchtrenne, beispielsweise durch eine entzückende Stahlbetonwand mit eingebauten Berührungssprengsätzen und als Zuckerwatte getarnten Kontaktgiftschleifen, dann bleibt es doch am Ende, was es sowieso schon vorher war. Ein Zimmer. Beziehungsweise zwei. Vielleicht handelt es sich dann um zwei kleine Zimmer, aber am Ende sind es doch immer noch Zimmer. Zwei Räume mit jeweils vier Wänden. Zwei komplette Einheiten. Das ist aber undurchdachte Scheiße, denn wenn ich etwas halbiere, dann fehlt danach für gewöhnlich eine Hälfte, die das Geteilte erst zum Ganzen werden lässt. Die eine Hälfte kann ohne die andere nicht alleine ein Ganzes darstellen. Das liegt in ihrer halbierten Natur. So ein halbes Hähnchen ist zum Beispiel nur bedingt existenzfähig. Ganz zu schweigen vom halben Liter. Aber so ein halbes Zimmer schafft es immer ganz gut, wie ein ganzes seiner Art zu wirken. Wie sollte auch die Hälfte eines Zimmers aussehen? Befindet sich dann dort, wo einst die andere Hälfte war einfach… nichts? Ein Vakuum? Luftleerer Raum? Am Ende nur noch pure geistige Masse?

So gesehen könnte das halbe Zimmer glatt eine Erfindung des Buddhismus sein. Die haben’s doch mal gerne so mit ihren Spitzfindigkeiten. Ich kann’s mir schon bildlich vorstellen. Sagt der Zenmeister zum unerleuchteten Schüler:
„Unerleuchteter Schüler, sage mir, wie sieht die Hälfte eines Ganzen aus, das auch in seiner Halbierung die ihm innewohnende Komplettheit nicht verliert?“
Der unerleuchtete Schüler verpufft in solchen Situationen gerne zu einem Pfund Trockengips. Schade. Das geht alles einfach nicht. Halbe Zimmer kann es nicht geben. Und wenn doch, dann erwarte ich als zweite Hälfte des Raumes wenigstens eine Art brodelnde Antimateriemasse. Was richtig spektakuläres. Etwas, was die Welt noch nicht gesehen hat. Oder zur Not auch einfach nur ein großes Loch. Gut, das wäre dann etwas nervig mit den Nachbarn, aber es wäre wenigstens ein klein wenig konsequent. Es gibt ja übrigens im Gegenzug auch keine doppelten Zimmer. Oder dreifache. Oder das sagenumwobene Drei-Trilliarden-Zimmer. Sagt ja keiner. Wenn überhaupt, dann sind das große Zimmer. Klingt ja auch gleich viel imposanter. Kann man besser mit rumprotzen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint das halbe Zimmer natürlich wiederum hochwertiger als ein kleines Zimmer. Halb klingt irgendwie weniger nach Rechtfertigungsbedürfnis. Klein klingt gleich wieder scheiße.
„Hier guck mal, der hat nur ein kleines Zimmer, der unfähige Sack. Hat’s mal wieder zu nichts gebracht. Unfähiges Arsch.“

Das halbe Zimmer hingegen versprüht philosophischen Charme. Und genau darum wird mein halbes Zimmer auch mein neues Arbeitszimmer werden. Aber ob das gut geht? Oder ist es dann vielleicht nur ein halbes Arbeitszimmer? Verpufft in dem Moment, in dem ich Möbel in den philosophisch brodelnden Hyperraum stelle, jeweils die Hälfte alles Existierenden zu Staub und luftleerer Masse? Halber Laptop, halber Tisch, halbe Tastatur? Welch Graus. Am Ende ist mein Arbeitszimmer sogar nur für einen Halbtagsjob geeignet. Kaum auszudenken. Vielleicht hat es zu allem Überfluss auch eine Art Halbwertszeit. Wahrscheinlich halbiert es sich alle halbe Stunde bis es am Ende so unfassbar halb ist, dass sich sogar die Elementarteilchen nicht mehr komplett fühlen und darum die ganze Welt zu einem halben Stück Nichts kollabiert. Das wäre dann aber sicherlich ein Grund zur Mietminderung. Ich werde dann einfach nur noch die Hälfte der Miete zahlen. Das wäre halbwegs erträglich. Als logische Konsequenz werde ich wohl einfach das tun, was man eigentlich mit dem halben Leben machen sollte. Ich werde es einfach ignorieren und umdefinieren. Wohne ich eben in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Mir doch egal. Klingt auch gleich viel besser. Schließlich soll man keine halben Sachen machen. Jawoll.



Marzen says:

Oh man, hab mich beim lesen halb totgelacht :D
Vorallem hab ich mir das morgens, beim Zeitung lesen, auch schon mal durch den Kopf gehen lassen… absolut faszinierendes Thema.



Die Existenz says:

Oh jaaa…



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