Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{Februar 05, 2008}   Von der Wichtigkeit der Banalität

oder: Warum des Pudels Kern am Ende immer flüssig ist

Banalitäten sind doch etwas Schönes. Ich liebe Banalitäten. Leider wird ihnen aufgrund der ihnen innewohnenden Definition oft nicht die richtige Bedeutung beigemessen. Im Grunde genommen ist die Banalität an sich wahrscheinlich leider so banal, dass sie nicht mal mehr einer Definition bedarf. Noch nicht mal einer recht banalen, was am Ende sowieso zu recht fatalen logischen Schlüssen führen müsste, und somit durch den Widerspruch in sich jeglicher Banalität entbehren würde.

Wie dem auch sei. Ich habe heute ein Erdbeerbonbon gegessen. Von Em-Eukal. Wahnsinnig faszinierend und geradezu geisteserquickend war dabei die Tatsache, dass ich bislang von der Existenz von Em-Eukal Erdbeerbonbons überhaupt gar nichts wusste. Ja ich ahnte ja noch nicht mal etwas. Nicht im Geringsten. In keiner Nanosequenz meines komplexen Denkens hätte ich auch nur gewittert, dass es in diesem bekannten Universum Em-Eukal Erdbeerbonbons gibt. Welch Freude daher, als mich mein Kollege auf die Existenz jener disaccharidlastigen Zuckerbrocken feinster chemischer Machart in seiner Schublade hinwies. Ich öffnete den Ort der Verwahrung und nahm eins dieser ungeahnten Schönheiten heraus. Ich wickelte das Bonbon liebevoll aus und umschloss es mit meiner rechten Hand, während in meiner linken das süßlich duftende Papier verweilte, das bis zu diesem entscheidenden Moment seines verhüllenden Lebens immer treu und ordnungsgemäß dafür gesorgt hatte, dass das einzelne Erdbeerbonbon ein sorgenfreies Leben innerhalb der Gruppenverpackung führen konnte ohne aufs Übelste mit seinen Artgenossen aneinander zu geraten. Ich schmiss das Papier in den Mülleimer, dessen Boden es nach Durchlaufen einer parabelförmigen Flugbahn erreichte. Man hörte ein leises Knistern, das auf das Ende einer Ära hinwies, wenn nicht sogar auf das Ende einer Ära. Ich führte das Bonbon, das sich immer noch zwischen meinen zarten Fingern befand, zu meinem Mund, den ich unter Aufbringung unglaublicher koordinativer Fähigkeiten quasi zeitgleich mit Erreichen des Bonbons an meinen Lippen öffnete. Ich schloss den Mund, obwohl ich ihn gerade erst geöffnet hatte, und brachte meine Bonbon führende Hand in eine vertretbare Ausgangsposition zurück, während irgendein mir gänzlich unbekannter Teil meines kulinarischen Selbst mit der Speichelproduktion innerhalb geschlossener Körperräume begann. Welch bewegendes Schauspiel, als meine Zunge das Bonbon von rechts nach links und von oben nach unten durch meinen Mundinnenraum gleiten ließ. Für einen kurzen Moment verging meine Seele voll und ganz in den naturidentischen Erdbeeraromen, die meine Geschmacksknospen zur Blüte brachten. Welch Erlebnis. Doch ich wurde jäh aus dem Taumel meiner Glückseligkeit gerissen als ich merkte, wie meine Zähne damit begannen, die zarte Außenhülle des Bonbons enorm unter Druck zu setzen. Es knackte leise und latent bedrohlich. Sollte das wirklich schon das Ende dieser zarten, aber doch verdammt zuckrigen Existenz gewesen sein? Das Ende eines Lebens voller Erwartungsfreude auf die Endbestimmung, die am Ende nichts mehr ist als der reine Tod selbst? Schmerz machte sich in mir breit. Trauer gesellte sich dazu. Zusammen sangen sie eine Ode auf die Vergänglichkeit des Seins zur Mittagszeit. Aber jedes Ende birgt bekanntlich einen neuen Anfang und so brachte mich der reißende Strom aus semi-flüssiger Erdbeerfüllung, der aus dem Inneren des zerberstenden Bonbons schoss wie frische Lava aus einem prallen Vulkan, schnell zu neuen Ufern des genießenden Seins. Die süße Erdbeerlava schmiegte sich zart an alle Zellen des geschmacklichen Empfindens und ließ meinen Gaumen leise singen und schwingen. Ich genoss den Augenblick in dem Moment, als er geschah und konnte somit gut die bittere Enttäuschung vertragen, die sich in mir während des Abschluckens der Zuckermasse meiner erdbeerigen Träume breit machte. Der Genuss war groß, aber die Vergänglichkeit war größer. So erinnerte bald nichts mehr an die einstige Existenz dieses kleinen Erdbeerbonbons und seines verborgenen Innenlebens in meinem Mund, außer einem winzigen Stück Bonbonhülle, das penetrant wie ein Sack sibirischer Klettenläuse an meinem Zahn kleben blieb…

Dass Banalitäten dieser Art zu zahntechnischen Großkatastrophen mit kompletter Kieferresektion und wirtschaftlichem Zusammenbruch des Zahnträgers führen können, der daraufhin für sechs Wochen nur noch in der Lage ist, aromatisierte Zwiebelsuppe mit dem Strohhalm zu schlürfen und dabei an einem quer sitzenden Zwiebelringimitat verendet, das sich brutalst in seine Speiseröhre bohrt und dadurch für einen qualvollen und dämlichen Tod sorgt, bleibt an dieser Stelle unerwähnt, da es diesem schönen Erlebnis seine Banalität und somit seine ganze Existenzberechtigung rauben würde. Dann wäre das hier am Ende ja nur pure Zeilenverschwendung.



thyra says:

Herrlich, beim Lesen dieser Banalität hat steigt die Lust auf einen Erdbeerbonbon..



Die Existenz says:

@thyra: Herrlich, eine solche Appetitsteigerung war auch Sinn der Sache, weil ich insgeheim natürlich für Em-Eukal arbeite. Aber psssst…!



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