Skurriles von der B-Seite des Gehirns











{Oktober 06, 2006}   Dentale Leidenswege

So, ich gehöre ja nun zugegebenermaßen nicht zu der Sorte Privatpatient, die aus reiner Nächstenliebe und schierer Besorgnis um ihre dentinüberzogenen Nahrungszerkleinerungsgeräte zweimal jährlich zum Zahnarzt ihres Vertrauens geht. Nein, ich geh da sogar drei bis vier Mal im Jahr hin. Fein. Nicht weil ich eine mentale Affäre mit dem Zahnarzt habe oder das sanfte Summen eines zahntechnikgroßhandelsüblichen Bohrers akustisch so stimulierend finde, nein. Ich habe schlichtweg sagen wir mal nicht ganz intakte Zähne. da kann ich armes Opfer der Dentaltechnik aber gar nichts für, mein unsägliches Leiden ist (zum Teil) genetisch bedingt. Und zwar habe ich sehr große Zahnzwischenräume. Ja, das gibt es. Der gemeine Zahn an sich hat auch gern etwas Privatsphäre, weshalb sich die Evolution gedacht hat: „Mensch, getrennt durch einen kleinen Zwischenraum sollt Ihr sein, damit Ihr Euch nicht zu sehr (Achtung: Wortwitz!!) auf die Nerven geht.“
Bei der Gestaltung meines Mundraumes war die Evolution allerdings wohl schon vor einem nahenden Zusammenbruch eben genannter, wenn auch sinnmäßig nicht ganz identischer Nerven. Kurz gesagt, meine Zahnzwischenräume sind verdammt groß und dreieckig. Was nun wieder an der merkwürdigen Architektur meiner Zähne an sich liegt, aber wir wollen hier nicht noch tiefer in dentistische Gefilde abdriften. Was ich Ihnen damit näher bringen wollte war die Tatsache, dass ich genetisch bedingte und mundduschentechnisch nicht zu behebende Ablagerungen in meinen Zahnzwischenräumen habe, die ohne die regelmäßige Entfernung vom Zahnarzt meiner Mutters Wahl ein gewisses Eigenleben entwickeln würden, was sie selbst und das Konto ebigen Zahnarztes zwar freuen würde, mich doch letztendlich zu einem mehr als verfrühten Breikonsum zwingen würde.
Da war ich also wieder. Auf dem Parkplatz vor der wundervollen Praxis meines wundervollen Zahnarztes. Besser gesagt befand ich mich in einer kleinen dichtgeparkten Seitenstraße kurz davor, was dem Umstand des Parkplatzsuchens zwar (wesentlich) erschwerte, einem aber ganze 50 Cent an Parkgebühren für den eigentlichen Parkplatz einspart. Nicht, dass ich jetzt so sonderlich geizig oder extrem knapp bei Kasse wäre, aber es erspart einem eine Menge körperlichen und psychischen Aufwand. Der Parkplatz ist, vor allem im Verhältnis zu besagter Seitenstraße verdammt groß und hat nur einen kleinen grauen leicht depressiv wirkenden Parkscheinautomaten, so dass man beim Erreichen jenes Parkplatzes erstmal vor eine enorme logistische Herausforderung gestellt wird. Wo am effektivsten parken? Das ist wie so eine allen sicherlich noch bekannte Textaufgabe früher in Mathe. Ein Auto A fährt auf den Parkplatz X, wo sich Parkscheinautomat Y und Praxiseingang Z befinden. Die Entfernung zwischen Y und Z geht gegen unendlich. Wie muß nun A geparkt werden, damit die Strecken AY (ich parke und eile zum Parkscheinautomaten), YA (ich habe mich zuerst mental, dann körperlich mit dem bockigen Automaten auseinander gesetzt, um am ende einen Parkschein zu ergattern, dessen Tinte der blöde Automat absichtlich nicht hat trocknen lassen und die mir jetzt an de n Fingern klebt), AZ (ich gehe als ganzer Mensch in die Praxis) und ZA (ich komme als Geschundenes Etwas wieder heraus) minimal werden. Für alle Milchbrötchen essenden Streberkinder stellt sich dann noch die Zusatzfrage, ob es sich unter Beachtung der Zeit, des Geldes und des Abnutzungsgrades der Schuhe lohnt, nach Verlassen der Praxis den Parkschein aus dem Auto zu holen und sich gegen Vorlage selbigens das investierte Parkgeld zurückerstatten zu lassen, was diese Praxis durchaus anbietet. Dabei zu beachten ist natürlich der Unsicherheitsfaktor U, der die Wahrscheinlichkeit definiert, mit der gerade in der Zeit, in der Sie Ihre geschädigten Finanzen wieder ausgleichen, eine Politesse kommt und sie aufschreibt. Der erzählen Sie dann mal, dass Sie sich nur gerade rechtmäßigerweise Ihr Parkgeld haben zurückerstatten lassen. Und das die nette Zahnarzthelferin natürlich so nett war, das eingelöste Ticket gleich vor Ort für Sie weg zuschmeißen, so dass Sie also ticketlos(!) vor der Politessse stehen und eventuell leicht ins Stammeln geraten. Das Problem könnten Sie natürlich umgehen, wenn Sie für die Zeit des Einlösens ein weiteres(!) Ticket lösen, das wegen der nun kürzeren Parkdauer ja billiger ist, so dass Sie immer noch mit einem Plus aus der Sache rauskommen. Die Lösungsmenge L beinhaltet übrigens das Parken in der dichtgeparkten Seitenstraße. Doppelt unterstrichen.
Nach diesen nervenzerfetzenden Anfangsüberlegungen gehe ich also in die Praxis und finde mich nach einem kurzen Sie-sind-ja-privat-versichert-und-dafür-lieben-wir-Sie-ja-auch-aber-Sie-müssen-trotzdem-warten-Wink im Wartezimmer wieder. Gut. Ich widme mich einer geistesstimulierenden Illustrierten und lausche dem sanften Brummen des Bohrers aus den Behandlungsräumen. Fast zeitgleich meldet sich jedesmal mein Eckzahn unten rechts, dem die Wurzelbehandlung vor ein paar Jahren wohl so gut gefallen hat, dass er jedesmal wieder dran sein möchte. Meistens gibt er aber ganz schnell Ruhe, sobald ich mich vermehrt auf die neuesten Schreckensmeldungen der internationalen Königshäuser konzentriere. Gerade als ganz vertieft in die mannigfaltigen Currywurstvorlieben des Prinzen von Papua-Neuguinea war, öffnete sich die Wartezimmertür und unter ihrem Türbogen mit der Klinke noch in der Hand und einem lässig uns Kinn gebundenen Mundschutz stand eine Frau, deren berufliche Erfüllung es war, Namen am Mundschutz vorbei in eben jenes Wartezimmer zu rufen, die Namensträger dann auf einen elektrisch betriebenen Stuhl zu geleiten und ihm später hingebungsvoll die Spucke aus dem Mund zu saugen. Um sie nicht total zu desillusionieren, was ihre Unabdingbarkeit anbetraf, folgte ich ihr, als kenne ich mich in diesen 100 Quadratmeter Praxis überhaupt nicht aus und ließ mir ein weißes Lätzchen von ihr anlegen. Mir ist durchaus bewusst, dass die Dinger in der Zahnszene höchstwahrscheinlich nicht Lätzchen heißen und alle Szenekenner zu hause jetzt denken, wie blöd ich denn sei. da weiß sie noch nicht mal, dass das Lätzchen gar nicht Lätzchen heißt, oh mein Gott! Ja. tut mir sehr leid, wenn ich diese immense Bildungslücke aufweise. Im Folgenden werde ich es Oralsekretauffangtuch nennen, um meine Unkenntnis wenigstens hinter einem Kenntnis vortäuschenden Wort zu verstecken.
Ich sitze also voll ausgestattet auf dem Stuhl und schaue mir mit einer Mischung aus Vorfreude und blanker Panik das säuberlich auf einem Schwenkarmtischchen vor mir aufgebaute Zahnzwischenraumsäuberungsequipment an, als sich mir urplötzlich und mit einem Elan, der mir ein bisschen zuwider ist, eine plastikhandschuhverhüllte Hand entgegenstreckt um mich obligatorisch zu begrüßen und natürlich erstmal das so wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Opfer herzustellen. Das klappt bei mir immer wahnsinnig gut. Auf die jedesmal wieder zu hörende Frage, ob denn in der Zwischenzeit alles ruhig geblieben sei ( was sich auf die durchaus ja gerne mal lautstark Krach machenden Zähne bezieht), würde ich mich nie trauen, mit nein zu antworten, was ja zwangsläufig zur Ursachenbeseitigung dieses Neins führen würde. Und so was ist immer (!) schmerzhaft. Zumal die Antwort ja auch in der Aussprache einfach eine Nanosekunde kürzer ist. Zu mehr Kommunikation ist einfach keine Zeit , denn schon in dem Moment, in dem Ihr Großhirn den Auftrag zum Überlegen der richtigen Antwort gibt, bringt der elektrisch betriebene Stuhl Sie schon in eine nicht mehr so schöne Ausgangslage.
Mein Zahnarzt neigt zu einem Verhalten, das Unwissende schnell als Hektik deklarieren würden, was aber definitiv falsch ist, was ihm ja auch ein gewisses Maß an Unlust und Unfähigkeit zur Terminplanung unterstellen würde, was sicherlich genauso falsch ist. Nein, es ist mehr so ein Verhalten, wie es eine peruanische Bergziege an den Tag legt, die gerade dabei ist, mit fünf Flachlandheidschnucken den K2 zu erklimmen, und deren größte Freude dabei natürlich nicht das Klettern an sich, sondern vielmehr der ehrfürchtige Blick ihrer Mitkletterer ist, die verzweifelt zu verstehen versuchen, warum diese blöde Bergziege denn nicht einfach das Gras am Fuß des Berges frisst. Ich gebe zu, der Vergleich ist jetzt nicht der allerbeste, aber die Vorstellung ist doch nett. Nun ja, ich wollte eigentlich sagen, dass mein Zahnarzt sehr wohl weiß, was er tut, dazu noch durchdacht und mit Plan arbeitet und definitiv genau weiß, dass er so gut ist. Man könnte dieses Verhalten auch Selbstsicherheit nennen, was wohl letztendlich auch der Grund ist, weshalb ich bei seinem Anblick ihm nicht einfach auf die Finger beiße und schreiend die Praxis verlasse (ohne den Parkschein einzulösen, den ich ja eh nicht habe, der hier jetzt aber stilistisch gut rein passt).
„Achtung, ich fahre Sie dann jetzt mal auf den Kopf.“ Gerne. Ich täusche eine mindestens genauso große Selbstsicherheit vor, was mein Einverständnis mit dieser Handlung angeht und lasse mich auf den Kopf fahren. Auf den Kopf deshalb, weil sich eine Kunststofffüllung von der Hinterseite meiner oberen Schneidezähne eine andere Lebensaufgabe gesucht hatte als ständig nur Lückenfüller zu sein. Muss man verstehen. Meine Fahrt auf den Kopf hatte den unangenehmen Nebeneffekt des vom-Stuhl-mit-Kopf-nach-unten-gen-Boden-Rutschens, was ich aber mit erstaunlich viel Selbstsicherheit verdrängte. Schädelbasisbrüche aufgrund eines Herabgleitens des Patienten vom leicht schräg gestellten Zahnarztstuhl würde wohl niemand riskieren. Der eventuelle Absturz mit sicherer Todesfolge war auch urplötzlich in dem Moment unwichtig, in dem ein weiteres haarsträubendes Problem seine Anwesenheit verkündete. Da sich anhand von Kalender und Außentemperaturen nicht abstreiten ließ, dass Sommer war, trug ich ein jahreszeitenentsprechendes Oberbekleidungsstück. Ein T-Shirt, nicht in die Hose gesteckt. So weit ja noch nichts verwerfliches, sei denn Sie mögen kein froschgrün aber das ist dann definitiv Ihr Problem. Nun, während ich also langsam aber stetig kopfüber den Stuhl hinab glitt, glitt mein t-Shirt selbstverständlich mit. Um nicht zu sagen, es verrutschte ein Stück. Ich weiß nicht, ob Sie dem Ernst der Lage gerade genug Bedeutung beimessen. Mein T-Shirt war verrutscht. Man liegt also da kopfüber auf einem elektrisch betriebenen Zahnarztstuhl, wartet auf das ungewisse Schicksal seiner Zähne und kämpft mit einem verrutschten T-Shirt, das momentan durch seine Deplatzierung leider dem gesamten ortsansässigen Zahnarztpersonal freie Sicht auf eine nicht sonderlich gebräunte und von den letzten Weihnachtslebkuchen immer noch mitgenommene Hautpartie gewährt. Die rutschunfreundliche Jeans tat ihr übriges. Nicht genug der mentalen Demütigung. Nach einem kurzen Kontrollblick wurde von ärztlicher Seite entschieden, dass gebohrt werden müsse, damit die Reste der Kunststofffüllung, die bei ihrem spontanen Auszug aus meinem Zahn natürlich die Hälfte hatte liegen lassen, säuberlich entfernt werden könnten. Auf die darauf folgende Frage, ob ich für diesen Vorgang eine Betäubungsspritze haben möchte, habe ich schon aus Prinzip mit ja geantwortet, da allein der Fakt des Nachfragens ja schon die Möglichkeit eines eventuellen Schmerzes impliziert, welchen es meiner Ansicht nach immer zu vermeiden gilt. Wobei der Schmerz vor dem Schmerz, der ja auch nur eventuell eingetreten wäre, auch nicht zu verachten ist. Was ich meine ist das Eindringen der kleinen Nadel in mein Zahnfleisch, um selbiges, die betreffenden Zähne sowie Teile der Nase und die gesamte Oberlippe zu betäuben. Da ich bei der Vorfreude auf Schmerzen immer zu spastischen Verkrampfungen leide, wurde eine nette Helferin gebeten, meinen Kopf festzuhalten, gleich nachdem sie den Mundinnenraumbeleuchtungsscheinwerfer mit Flutlichtqualitäten eingeschaltet hatte. Der Doktor muss ja schließlich sehen, wo er hin spritzt. Wäre ja schade um das Anästhetikum. Ich lag also kopfüber mit Angstschweiß bedeckt auf diesem Stuhl, mein T-Shirt hatte mir die Freundschaft gekündigt und legte alle Triglyceridsünden frei, eine Zahnarzthelferin hatte meinen Kopf in einem beängstigend festen Griff und ein Riesenscheinwerfer leuchtete mir so stark ins Gesicht, dass ich wenigstens nicht sehen konnte, wie eine bedrohlich lange Spritze unaufhaltsam auf mich zuraste. Zuerst kam der Schmerz, dann das Ausspucken, dann die Illustrierte. Ich frage mich, warum in der Zeit, wo sich das Betäubungsmittel ausbreitet und mich glauben lässt, die ganzen chemischen Zusätze sämtlicher Tiefkühlpizzen meines kulinarischen Lebens rächen sich jetzt in einer spontan auftretenden Mutation meiner Oberlippe, nicht einfach so ein freiberuflicher Piercingmensch vorbei geschlendert kommt. Nicht : “Wolle Rose kaufe?“. Nein, mehr so : „Ey krass, hast grad Zeit, ich zieh dir schnell nen Ring durche Lippe. Das is total phat, echt derbe korrekt, aller!“ Ich meine, Arbeitsplätze sind knapp und man muss die Marktlücken erkennen. Niemand kam.
Die Demütigung schritt voran in Form von Watterollen, die lieblich meine Wangen ausfüllten, unkontrollierten Speichelabsonderungen, die von der netten Kopfhaltehelferin abgesaugt wurden, während seine Eminenz fröhlich bohrte und mit irgendwelchen zahntechnischen Kürzeln um sich warf, die genauso gut der Zahlencode für die Salamipizza auf einem Pizzabestellservicezettel sein könnten. Es wurde keck mit Wasser in meinen Mund rumgespritzt, das dann lustig an meinen Ohren entlang hinunter lief und (zugegebenermaßen) meinen Nacken etwas kühlte. Die Haut um meine Lippen wurde von Zeit zu Zeit zurecht gezupft, ähnlich wie es unterbeschäftigte Großtanten tun, nachdem sie einem mit einer Extraportion Großtantenspeichel den Butterkuchenkrümel von der Wange gewischt haben. Ach, was soll ich sagen, es war herrlich bis zum letzten Augenblick, als ich mich wieder aufrichten durfte, mir das Blut wieder in den Kopf schosss und mich dran erinnerte beim nächsten Zahnarztbesuch doch lieber einen langen Pullover anzuziehen. Bitte gaaanz weit öffnen…



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